Anarchie für alle

August Sander und die »Kölner Progressiven«

Radikale sehen dich an. Vom Fotografen August Sander porträtiert, sauber gerahmt, gehängt über den großen Kachelofen in Sanders Arbeitszimmer in Köln-Linden thal. Heinrich Hoerle und Franz Wilhelm Seiwert. Zwei der Gruppe »Progressiver Künstler« und führende Köpfe einer Kölner Bewegung der 1920er-Jahre, die – geprägt vom Grauen des Ersten Weltkrieges, bewegt von der russischen Revolution, berührt vom sozialen Elend der Weimarer Republik – die Gesellschaft zum Guten und Gerechten verändern will. Ohne Umwege, ohne - verquaste künstlerische Botschaft. Seiwert schreibt im Jahr 1919, da hatte er sich gerade mit den Kölner Da daisten und deren Bürgerschreck-Gehabe überworfen: »Wir versuchen (…) so einfach, so eindeutig zu wer den, dass jeder uns verstehen kann.« Die Formensprache der »Kölner Progressiven« ist sachlich, geometrisch und grafisch reduziert. Im Inhalt aber hochbrisant und politisch. »Unsere Bilder stehen im Dienste der Ausge beuteten, zu denen wir gehören und mit denen wir uns solidarisch fühlen,« so Seiwert.

August Sander, Maler

August Sander, Maler [Gottfried Brockmann], 1924, © Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2023

An Sander führt im Köln der 1920er-Jahre kein Weg vorbei, er ist Mittelsmann zwischen Lokalpolitik, Bourgeoisie und der musikalischen Avantgarde im Dunstkreis des aufstrebenden Rundfunks.

Doch die Masse der Arbeiterschaft im Moloch der Metro polen, tut sich schwer mit der ihnen angetragenen Kumpanei der Progressiven. Ganz anders der Fotograf August Sander, der frühzeitig Sympathien für den bunten Haufen ungestümer Kommunisten hegt. Er sammelt ihre Werke, setzt ihre Bilder und die Künstler selbst vor seiner Kamera in Szene. Eigentlich erstaunlich, gehört Sander doch einer anderen Generation und eher bürgerlichen Geisteshaltung an. Was ihn mit Hoerle, Seiwert und deren Mitstreiter*innen verbindet, ist allerdings das Entscheidende: Auch er versteht die Menschen in seinen Fotografien nicht allein als individuelle Persönlichkeiten, sondern als Teil eines großen Ganzen, dokumentiert immer auch ihren sozialen Status als Mitglied einer Berufsgruppe. So porträtiert er in seinem wichtigsten Werk »Menschen des 20. Jahrhunderts« die unterschiedlichsten Zeitgenossen – Bankdirektoren und Dirigenten ebenso wie Studenten, Boxer, Sekretärinnen und Klüttenkerle.

Nicht nur das – an Sander führt im Köln der 1920er-Jahre kein Weg vorbei, er ist Mittelsmann zwischen Lokalpolitik, Bourgeoisie und der musikalischen Avantgarde im Dunstkreis des aufstrebenden Rundfunks. Und nicht zuletzt Verbindungsglied zum Karneval – über Jahre setzt er die ausschweifenden Künstler- und Lumpenbälle der Stadt ins Bild, wo es traditionell in Lokalen wie »Em Decke Tommes«, Ecke Hämer- und Glockengasse, stets feuchtfröhlich zugeht.

Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten nimmt das blühende Kunst- und Kulturleben auch in Köln ein jähes Ende – viele der wichtigen Akteure emigrieren ins Ausland, Hoerle und Seiwert sterben infolge unheilbarer Erkrankungen. 1938 macht August Sander die letzten Aufnahmen der Stadt Köln in Friedenszeiten. Er denkt um, hält aber trotz der schrecklichen Kriegsereignisse an seiner fotografischen Arbeit fest, wendet sich nun stärker als bisher Natur- und Landschaftsthemen zu. Den Kernbestand seines umfangreichen Archivs sowie künstlerische Arbeiten seiner progressiven Weggefährten kann er – noch bevor sein Atelier in Köln-Lindenthal den Bomben zum Opfer fällt – über den Zweiten Weltkrieg retten. August Sander hinterlässt ein kostbares Œuvre, nicht anarchisch wie das Werk der »Progressiven«, aber durch und durch geprägt von liberalem Geist.

Seit 1992 befindet sich das historische August Sander Archiv im Bestand der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur im Kölner Mediapark. Diese weltweit größte Sammlung zu Sanders Werk um fasst alle noch erhaltenen Aufnahmen, etwa 10 700 Negative und über 6 000 Originalabzüge. Diese werden der Öffentlichkeit im Rahmen von Publikationen und wechselnden Ausstellungen zugänglich gemacht.

Text: Rüdiger Müller