Der Blick nach oben

Jenseits der Bausünden: Köln kann Metropole

Skyline! Das ist es wohl, was wir an Architektur von einer Metropole erwarten. Und mit Skyline sind in heutiger Zeit Hochhäuser gemeint.

Siebengebirge, Dach des Tanzbrunnens, Hansahochhaus und Kranhäuser (von links nach rechts)

Im Idealfall ziehen sie sich an einer Wasserfläche entlang und ergeben ein geschlossenes Bild, die Linie eben. Mit einer Skyline kann Köln auch aufwarten, es sind keine modernen Hochhäuser, die sie bilden, aber der Wiedererkennungswert mit Dom-Doppelspitze, Hohenzollernbrücke, Groß St. Martin und schmalen Altstadthäusern ist hoch! Und dank der Welterbe-Schutzzone um den Dom inklusive Höhenkonzept für die Innenstadt ist die markante Linie beständig, einprägsame aktuelle Architektur wird man dort aber nicht finden. Überhaupt ist Köln architektonisch sperrig: Der Mangel an originalem Stuck, Fachwerk oder Ziegel lässt Traditionalist*innen enttäuscht zurück, selbst die historische Altstadt wurde nahezu vollständig zerstört und nach dem Krieg wiederaufgebaut. Anderseits fehlen auch die spektakulären Hochhausprojekte, zu denen in asiatischen Megacitys, aber auch in London oder Madrid Architekturinteressierte pilgern. Architektur als Aushängeschild für moderne Metropolen – es scheint, als hätte Köln das vernachlässigt.

Sternenwellen im Park

Und doch: Es gibt sie. Und es gibt die Architektur für den zweiten Blick. Die, für die man sich ein bisschen bemühen muss. Genau hinsehen, überhaupt hinsehen, nicht als gegeben hinnehmen. So zum Beispiel das abgespannte Zeltdach des Tanzbrunnens im Rheinpark, dessen Dreiecke ein offenes, rundes Zentrum über der Tanzfläche freilassen. »Sternenwellenzelt« wird es genannt – und ist ein Frühwerk von 1957 des berühmten Frei Otto, der später verantwortlich war für die Dachkonstruktion des Olympiageländes in München. Früh dran war auch das Hansahochhaus von Jacob Koerfer am Hansaring. Für ganz kurze Zeit war es mit seinen 17 Etagen auf 65 Metern Höhe das höchste Haus Europas, als es 1925 fertiggestellt wurde. Man muss ein bisschen zurücktreten, um die beiden klaren Baukörper zu er kennen, die sich wie ein hochgestellter und ein quer liegender Bauklotz ergänzen und nur ganz leicht verspringen. In den nach hinten versetzten Dachgeschossen ändert sich die Fensterform von klaren, ans Bauhaus erinnernden Rechtecken zu gotisch anmutenden Spitzbögen. Der Stahlbetonbau des Ziegelexpressionismus ist mit angedeuteten Pfeilern, dreieckigen Fensterstürzen und Art-Déco-Schlusssteinen gestaltet und bietet schon in der Außenansicht viel zu entdecken – man muss nur hinsehen und hochsehen.

Brutal schön

Gleich um die Ecke vom Hansahochhaus befindet sich ein Gebäude, in das man sich mehr hineinfühlen – oder sogar hineindenken – muss. Die katholische Pfarrkirche St. Gertrud im Agnesviertel nimmt trotz ihrer frei gezackten Form die Fassadenflucht der Krefelder Straße auf. Wer demütig durch die niedrige Eingangstür eintritt, steht in einem höhlenartigen Innenraum, dessen zentrale Fläche einige Stufen abgesenkt ist. Der im Januar 2020 hundert Jahre alt gewordene Kölner Architekt Gottfried Böhm ist für diese 1965 vollendete Kirche im Stil des Brutalismus verantwortlich. Mit ihren Sichtbetonwänden wirkt sie dunkel und abweisend, wer sich aber darauf einlässt, wird entdecken, dass die Linien des Betonfaltwerkes den Blick in die Spitzen des zeltartigen Daches lenken und die wenigen Fenster gezielt nur spärlich Licht werfen, was die Spannung im Innenraum körperlich erfahrbar macht. St. Gertrud ist ein direkter Vorläufer der berühmten Wallfahrtskirche in Neviges, was sich in vielen der Gestaltungselemente zeigt. Aber auch zu anderen der zahlreichen Gebäude aus der Architektendynastie Böhm in Köln und Umgebung lassen sich Bezüge herstellen – vieles davon wurde von der Kritik gelobt, von der Nachbarschaft aber kritisch beäugt. In jedem Fall lohnt alles den intensiven Blick darauf.

Seltene Stringenz

Gar nicht abweisend ist der Rheinauhafen. Obwohl er durchaus als steril empfunden werden kann – »Architekturzoo« wird er auch gelegentlich genannt. Das zwischen 2002 und 2014 von verschiedenen Architekten umgebaute Areal ist eines dieser Projekte zur Standortaufwertung mit hochklassiger Architektur und hochpreisigen Immobilien. Markantestes Zeichen sind die drei Kranhäuser von Bothe Richter Teherani und Alfons Linster. Man mag darin eine zeitgenössische Adaption von El Lissitzkys Wolkenbügel-Hochhäusern von 1925 sehen, auf jeden Fall bilden sie in der Form eines umgedrehten »L« ein einzigartiges Wahrzeichen an der Uferlinie. In dem Mix aus umgenutzten Bestandsimmobilien und Neubauten im Rheinauhafen finden sich zahlreiche interessante Details, wie die rheinseitigen puzzleartigen Balkone der »wohnwer[f]t« oder das »Siebengebirge« als erster Stahlbetonbau Deutschlands – und in dem fast zwei Kilometer langen Areal braucht es viel Zeit, all diese Details zu entdecken. Es ist nicht alles überragend im Rheinauhafen, insbesondere beim Blick auf die Grundrisse offenbart sich, dass die Nutzbarkeit schon mal zugunsten der Optik vernachlässigt wurde. Aber es ist genau diese architektonische und städtebauliche Strin genz, die man sonst so oft vermisst.

Ein konsequent umgesetztes Ensemble ist auch das Gerling-Quartier im Gereonsviertel. Über Jahrzehnte war es wenig geliebt, bereits in seiner Entstehungszeit, den 1950er- und 1960er-Jahren, als zu monumentale Erinnerung an die Nazi-Architektur kritisiert. Der Vergleich lag nicht fern, gehörten doch die meisten der von Hans Gerling engagierten Architekten zuvor zum Planungsstab des Generalbauinspektors Albert Speer, und die Außengestaltung durfte Arno Breker übernehmen. Ab 2011 wurde das Areal umgebaut. Büros, Luxuswohnungen und ein Hotel entstanden unter Beachtung der vielen Denkmalschutzauflagen, so dass der äußere Eindruck erhalten bleibt: ein repräsentatives Statussymbol. Das es aber verdient, dort endlich mal zu verweilen, um Symmetrie, edle Materialien und Raumwirkung der Originalbauten zu würdigen, wie auch die Sorgfalt der Umgestaltung.

Von transparent bis massiv

»Man muss die Dinge wagen«, sagt Renzo Piano. Und gewagt sieht das »Weltstadthaus« des italienischen Stararchitekten tatsächlich aus. Aber auch hier müssen die Shoppingfans einen Schritt zurücktreten auf der meist gut gefüllten Schildergasse. Besser noch: Das Gebäude nachts von der Nord-Süd-Fahrt aus betrachten. Dank üppiger Beleuchtung ist die Konstruktion aus Holzleimbindern und Glasscheiben, die sich filigran über die Straße wölbt, gut zu erkennen. Ein außergewöhnliches und bemerkenswertes Gebäude, das sich in seiner Transparenz von normalen Kaufhäusern mit reiner Zweckarchitektur deutlich absetzt.

So gar nicht transparent ist das Diözesanmuseum »Kolumba« des Schweizer Architekten Peter Zumthor. Zumindest auf den ersten Blick. Wer hinsieht – besonders von innen – entdeckt, dass sich das Ziegelmauerwerk auflöst und ein Spiel von Licht und Schatten in Gang setzt. Der Bau leitet seine Besucher*innen durch das Innere und lässt jeden Raum überraschend anders erleben.

Ähnlich verschlossen gibt sich das Wallraf-Ri chartz-Museum, mit dem Oswald Mathias Ungers selbstbewusst die Freifläche vor dem Rathaus dominierte – zumindest bis zum Baubeginn für das jüdische Museum direkt gegenüber. Beide Museen sind Teil der geplanten »Via Culturalis« von St. Maria im Kapitol bis zum Dom. Dort soll bis 2028 die »Historische Mitte« entstehen und das Areal am Roncalliplatz aufwerten. Eine weitere Zukunftsaufgabe – mit großem Potential – ist die Entwicklung des Deutzer Hafens zu einem modernen, sozialen und ökologischen Wohn- und Arbeitsquartier. Auch in Mülheim und Ehrenfeld sind großräumliche Projektentwicklungen auf ehemaligen Industriegeländen geplant, die man jetzt schon mitverfolgen kann. Und mit »The Ship« in Ehrenfeld wurde Anfang des Jahres der als »digitalstes Bürogebäude Deutschlands« beschriebene Firmensitz eines Taschen-Start-ups bezogen.

Wer sich bemüht, kann und wird sie also finden, die einer Metropole würdige Architektur, auch hinter der so beständigen Skyline. Es gibt noch weit mehr als diese wenigen Beispiele. Vielleicht muss und will sie gar nicht jedem gefallen, aber es ist ein lohnendes Erlebnis, sie zu entdecken.

Bildnachweise zu den Collagen dieses Beitrags:

Köln, Hansaring Hochhaus, 1930er-Jahre, Foto: RBA Köln, rba_mf155515, »Siebengebirge«, Lagerhaus am Agrippina-Ufer im Rheinauhafen, um 1900, Druck aus: »Architektur des XX. Jahrhunderts«, Kölnisches Stadtmuseum, Repro: RBA Köln, rba_d031767, St. Gertrud, Foto: HOWI / CC-BY 3.0 (via Wikimedia Commons), Terrassenschirme am Tanzbrunnen in Köln-Deutz, Entwurf: Frei Otto, Stuttgart, Institut für leichte Flächentragwerke, Foto: RBA Köln, rba_L011058_13, Weltstadthaus Köln, Architekt: Renzo Piano, © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Rheinauhafen, Kranhäuser, © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), Kolumba Museum Köln, Architekt: Peter Zumthor, Foto: Hpschaefer / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Text: Vera Lisakowski

Vera Lisakowski ist freie Journalistin für Kultur- und Architekturthemen. Sie studierte Architektur sowie Online-Redaktion und arbeitet unter anderem für »titel thesen temperamente«, koelnarchitektur.de und »kultur.west«.