Viele Menschen, die heute in Köln leben, sind nicht hier geboren. Sie machen die Stadt zu dem, was sie ist, zu einer Metropole im modernen Sinne, als Großstadt mit rund 1,1 Millionen Einwohner*innen, als regionales politisches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Egal, ob sie nun aus Hürth oder Bergisch Gladbach stammen, aus der Eifel oder aus dem Sauerland, aus Mecklenburg-Vorpommern oder Bayern, aus Schweden oder aus der Türkei, aus Thailand oder aus Peru.
Bei aller Gemütlichkeit – die kulturelle Vielfalt ist ein Alleinstellungsmerkmal der größten Stadt im Westen Deutschlands. Köln bietet die kritische Masse für eine innovative kulturelle Produktion. Denn die hat nur bedingt mit einer nationalen Herkunft zu tun, sie basiert auf Lebenserfahrung. Die Museumslandschaft eines Ortes beispielsweise ist geprägt durch den Erfahrungshorizont seiner Bewohner*innen. Gibt es nur ein retrospektives Heimatmuseum oder ein Stadtmuseum, das auch die Geschichten der Minderheiten berücksichtigt? Gibt es ein Kunstmuseum mit Werken von Künstler*innen, die hier geboren wurden und gearbeitet haben, oder gibt es Häuser, die auch andere Perspektiven zulassen?
Das Museum Ludwig ist ein solcher innovativer Ort. Direktor Yilmaz Dziewior kündigte 2018 eine Neubewertung der Bestände des Museums an. Die Sammlung wird seither aus den wissenschaftlichen Perspektiven der Gender-, Queer- und eben auch Postcolonial Studies unter die Lupe genommen. Dazu gehören neben einem neuen Blick auf Sammlungsinhalte und Sammlungsgeschichte auch konkrete Angebote für die Besucher*innen mit Migrationshintergrund.
Hasan Hüseyin Deveci arbeitet als Künstler, Kunsttherapeut und Kunstpädagoge. Seit Januar 2018 bietet er als freier Mitarbeiter des Museumsdienstes Führungen in seinen Muttersprachen Türkisch und Kurdisch an. Seine eigenen Lebenserfahrungen spielen in diesem Zusammenhang eine nicht zu unterschätzende Rolle.
In den 1990er-Jahren kam er als kurdischer Migrant nach Deutschland. In der Türkei hatte er gerade ein Wirtschaftsstudium begonnen, als die politische Situation sich zuspitzte. Am Kölner Waidmarkt beantragt er Asyl, in Rheinland-Pfalz wartet er mehrere Jahre auf seine Anerkennung. Seit 2008 vertieft er sich in seine eigene Kunst in seinem Deutzer Atelier und macht schließlich eine Ausbildung als Kunstpädagoge und als Kunsttherapeut.
2014 begegnet er während des Familienurlaubs auf der griechischen Insel Lesbos einer Gruppe von Geflüchteten, die zu Fuß in den Bergen unterwegs sind. Dieses Zusammentreffen lässt ihn nicht mehr los. Zurück in Deutschland beschäftigt er sich zunächst künstlerisch mit der Erfahrung, bevor er ein paar Monate später beginnt, kunsttherapeutische Kurse für Migrant*innen auf Deutsch, Kurdisch und Arabisch (mit Dolmetscher) anzubieten. Zunächst ehrenamtlich, dann für verschiedene Institutionen.
Bei einer eher zufälligen Begegnung mit dem Direktor des Museumsdienstes entsteht die Idee für Führungen im Museum Ludwig. Nach einer rund einjährigen Einarbeitung sind die Angebote seit 2018 nun im Programm.
Wichtig ist Deveci, dass er seine Angebote nicht über eine Institution oder einen Verein macht, sondern als freier Mitarbeiter einer städtischen Einrichtung. Die Community sei in viele Facetten gespalten, sagt er, beispielsweise in türkische und kurdische Herkunft, in religiös oder nicht.
»Ich möchte mit den Menschen auf Augenhöhe sprechen, in erster Linie über Kunst und Kultur und nicht über den Alltag in der Heimat.«
Und doch spielt der Lebenshorizont eine große Rolle bei den Führungen, der der Teilnehmer*innen und auch sein eigener. »Wenn ich religiöse Menschen in der Gruppe habe, Atheisten und Kommunisten, ist das auch ein Thema. Ich stehe dann in der Mitte und muss die Balance finden. Da reicht es nicht, Picasso, Dali und Max Ernst zu kennen, da muss ich auch verstehen, wo die Menschen herkommen.«
Mit seiner Kunst möchte Hasan Hüseyin Deveci neue Perspektiven schaffen, um die Realität wahrzunehmen und zu interpretieren, dieser Anspruch gilt auch für seine Arbeit im Museum.
»Ich war noch nie in meinem Leben im Museum, das hat mir so gut gefallen. Ich werde demnächst öfter hingehen.«
Serwan, 18 Jahre
»Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Museum so beeindrucken würde, auch wenn ich nichts von Kunst verstehe, finde ich es interessant!«
Dudu, 65 Jahre