Der erste Kölner Kunstmarkt, aus dem die ART COLOGNE hervorging, fand als erste Kunstmesse der Welt überhaupt – initiiert und organisiert von den Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner – im Gürzenich statt. Er sorgte für großes Aufsehen und wurde ein sensationeller Publikumserfolg. Namhafte Galerien siedelten sich in Köln an, darunter Rolf Ricke aus Kassel, der Künstler*innen wie Jo Baer, Richard Serra oder Keith Sonnier erstmals in Deutschland ausstellte – heute haben sie einen festen Platz in der Sammlung des Museum Ludwig. Im selben Jahr bekam Köln eine Kunsthalle als »Schaufenster der Museen«.
Der Nährboden für die Aktivitäten einer Kunstszene, die Köln Ende der 1960er-Jahre weltweit strahlen ließen, wurde aber bereits in den 1950er-Jahren gelegt.
»Das Leitmedium, das die Gesellschaft in den 50er- und 60er-Jahren ästhetisch auf den Prüfstand stellte und wesentliche neue Impulse über die Gattungsgrenzen hinweg gegeben hat, war die Neue Musik«,
sagt Barbara Engelbach, Kuratorin für zeitgenössische Kunst am Museum Ludwig. Das 1951 vom WDR gegründete Studio für Elektronische Musik mit dem Komponisten und künstlerischen Leiter Karlheinz Stockhausen wirkte wie ein Magnet auf junge experimentierfreudige Künstler*innen wie John Cage und Nam June Paik, die in dem einzig artigen Studio an ihren seriellen Kompositionen und Aktionen arbeiteten. Ausgehend von der Musik entstanden hybride Kunstformen zwischen Klang, Konzert, Oper und Ballett, in denen stets ein theatrales und flüchtiges Moment mitschwingt, die also nicht durch feste Partituren oder Skripte definiert sind, sondern auch mit Improvisation und Zufall spielen.
Ein Dach, unter dem diese noch nicht definierte neue Kunst sich buchstäblich entfalten konnte, war das Atelier von Mary Bauermeister in der Lintgasse. Zwischen 1960 und 1962 gingen Künstler*innen dort ein und aus, fanden Ausstellungen, experimentelle Konzerte und Happenings statt – eine Keimzelle, in der eine neue Kunstrichtung, nämlich Fluxus, manifest werden konnte. Diese medienübergreifende Kunst setzt, auch in spektakulären Aktionen und Prozessen, vorzugsweise flüchtige oder vergängliche Materialien, Alltagsgegenstände, ein: Der Übergang von Kunst und Leben wird fließend, im Zentrum steht die schöpferische Idee, das schöpferische Ereignis. Dass Fluxus auch heute noch so präsent ist, verdankt die Bewegung vor allem einer Person: Wolfgang Hahn, Restaurator aus Köln, erkannte schon früh ihren besonderen Wert und begann am Puls der Zeit, systematisch Werke von Nam June Paik, Daniel Spoerri, Dieter Roth oder Niki de Saint Phalle zu sammeln. 1968 wurde seine Sammlung im Wallraf-Richartz-Museum ausgestellt – ein außergewöhnliches Ereignis, war doch bis dato die Präsentation von dermaßen zeitgenössischer Kunst in einem altehrwürdigen Museum wie dem Wallraf undenkbar gewesen.
Ein Jahr später machte das Wallraf wieder von sich reden: Mit der Pop Art-Ausstellung des Sammlerpaares Irene und Peter Ludwig. Ab 1964 und im Eiltempo zwischen 1968 und 1969 hatte das Aachener Ehepaar eine gigantische Kollektion dieser neuen amerikanischen Kunstströmung zusammengetragen, die nun zum ersten Mal in solchem Umfang in Deutschland zu sehen war. Die Pop Art schlug ein – über 30 000 Exemplare des Kataloges wurden verkauft – und infizierte auch die junge Künstler*innengeneration in der Region. »Köln war ein Zentrum für eine lebendige Rezeption der zeitgenössischen Kunst«, sagt Barbara Engelbach mit Blick auf diese Jahre. Ein so aktives Kunst-Cluster, in dem Köln sich zwischen der Hauptstadt Bonn und Düsseldorf mit der Akademie befand, war damals in der Bundesrepublik einzigartig.
In den 1970er-Jahren bestimmen Performance, Video und Fotografie als neue künstlerische Medien das Feld. Mit Wulf Herzogenrath, Direktor am Kölnischen Kunstverein von 1973 bis 1989, hatte die zeitgenössische Kunstproduktion einen wichtigen Multiplikator und Vermittler gefunden, seine Videoabteilung in der groß angelegten Kooperation »Projekt '74« zwischen Kunsthalle und Kunstverein mit rund 100 teilnehmenden Künstler*innen wurde von der Kritik verrissen, ist im Nachhinein betrachtet aber ein Meilenstein in der Präsentation von Videokunst und stärkte die Kunstszene vor Ort. Trotzdem bemerkt Herzogenrath retrospektiv: »Anfang der 70er-Jahre war in Köln wirklich nichts.« Ein paar Jahre später zogen Künstler wie Michael Buthe, Sigmar Polke nach Köln, Anfang der 1980er-Jahre siedelte auch Gerhard Richter mit seiner damaligen Frau Isa Genzken von Düsseldorf nach Köln über.
Wenn es so etwas wie die goldenen Jahre der Kunststadt Köln gegeben hat, dann kann man sie in jener Zeit verorten. Statt der performativen Kunst dominierte die Malerei, »ein Hunger nach Bildern«. »Der alte Künstlermythos des 19. Jahrhunderts war wieder da, und der ist männlich und heterosexuell besetzt«, sagt Barbara Engelbach. Galerien funktionierten damals wie Labels, man sprach von den »Werner-Boys«, den »Hetzler-Boys« mit Martin Kippenberger und der Mülheimer Freiheit aus dem Umfeld der Galerie Paul Maenz mit Walter Dahn oder Georg Dokoupil. Das Museum Ludwig, das 1986 eröffnete, ließ die großen, expressiven Bilder der Malerfürsten Jörg Immendorff, Georg Baselitz und A.R. Penck gleich in den sogenannten Heldensaal einziehen. Aus heutiger Sicht scheint es, als hätte es in dieser männerdominierten Kunstlandschaft nur Platz für eine erfolgreiche weibliche Künstlerin gegeben: Rosemarie Trockel. Mit ihrer Galeristin Monika Sprüth, die ein freundschaftliches Netzwerk mit Cindy Sherman, Barbara Kruger oder Jenny Holzer pflegte und deren Kunst hoch engagiert und erfolgreich in den deutschen Markt brachte, wuchs ein einflussreicher Gegenpol zu den lauten Männerbünden.
Die Netzwerkbildung, das gemeinsame Arbeiten prägte die 1990er-Jahre, in der eine institutionskritische Kunst in den Vordergrund trat. Mit der Zeitschrift »Texte zur Kunst« bekam sie in Köln ein kritisches Sprachrohr, das Urteile fällte und diese verteidigte.
Nach dem Fall der Mauer wanderten viele große Galerien nach Berlin ab, und Köln verschwand von den vorderen Plätzen der Liste einflussreicher Kunstmetropolen. Der Abriss der Kunsthalle 2002 hinterließ nicht nur im Boden ein Loch. »Köln kann nicht Mittelmaß«, bemerkt Wulf Herzogenrath, »man ist immer himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt.« Heute fehlt in der Rheinmetropole zwar immer noch eine Kunsthalle, dafür punktet die Stadt neben einer lebhaften jungen Galerienszene und berühmten Museen auch mit ihrer Lage und der Verdichtung von Kunst im Rheinland: Wer von Köln spricht, bekommt immer auch Düsseldorf, Bonn, Mönchengladbach oder Krefeld in einem Radius, der in nur wenigen Tagen ein hochkarätiges Kunsterlebnis erlaubt.