Köln – eine antike Metropole

Im Nordwesten des Römischen Reiches

Betrachtet man die Metropolen der Welt, so verbindet man solche Städte mit Millionen von Menschen, pulsierendem Leben oder Vielfalt, aber auch mit Slums, Elend und Verbrechen.

Eine Grabungsstätte aus der Vogelperspektive

Foto: RGM, Ulrich Karas

Die »Millionenstädte« der Antike finden sich im Mittelmeerraum. Orte wie Antiochia, Alexandria oder Karthago besaßen 100 000 oder mehr Einwohner*innen. Rom ragte aus allen heraus, ihre damalige Bevölkerungszahl wird heute zwischen 600 000 und einer Million geschätzt. Sie wurde vor allen anderen als urbs (Stadt) bezeichnet, worauf unsere Begrifflichkeit der Urbanität zurückgeht, und bildete den Mittelpunkt der damals aus Sicht der Römer*innen bekannten und zivilisierten Welt. Diese Megacitys standen in einer langen urbanen Tradition, die in die Zeit Alexanders des Großen (356 –323v. Chr.) oder noch weiter in die Vergangenheit reichte. Zentren wie Mailand, Lyon oder Trier hatten immerhin noch über 50 000 Einwohner*innen. Doch sind die entscheidenden Kriterien für die Bedeutung einer Stadt in der Antike nicht die Bevölkerungszahl, sondern die rechtliche Stellung sowie überörtliche Funktionen für das Gemeinwesen, die in ihr konzentriert waren. Die Niederlassungen fügten sich in eine Hierarchie, die meisten insbesondere im Westen des Reiches waren civitates, steuerpflichtige und rechtlich uneingeschränkt abhängige Gemeinden mit etwa 2 000 bis 10 000 Einwohner*innen, auch unzureichend als »Landstädte« bezeichnet. Eine solche »Stadtgemeinde« bestand aus einem zentralen Ort und landwirtschaftlich geprägtem Umland. Das Städtewesen war eines der wichtigsten Strukturelemente des Römischen Reiches, weil die Einwohner über ihre Zugehörigkeit zu einer Stadtgemeinde in die Gesellschaft integriert wurden.

Das römische Köln wurde in einer Gegend ohne städtische Strukturen gegründet. Der Historiker und Senator Tacitus (54/58 – 120 n. Chr.) verbarg seine Abneigung gegenüber der Landschaft in Germanien nicht: »Wer hätte auch (…) Asien, Afrika oder Italien verlassen und Germanien aufsuchen wollen, landschaftlich ohne Reiz, mit rauem Klima, wenig ertragreich und trostlos im Anblick, es sei denn, es ist seine Heimat?«

Augustus verordnete dem bislang nur militärisch erschlossenen Gebiet das aus seiner Sicht unerlässliche städtische Prinzip. Köln, das der Kaiser wohl 7 v. Chr. gründete, nahm dabei eine wichtige Rolle ein: Der befreundete Stamm der germanischen Ubier, die zuvor verstreut in ländlichen Gehöften mit wenigen Häusern lebten, erhielt einen zentralen Ort. Die verheerende Niederlage im Teutoburger Wald im Jahr 9 n. Chr. veränderte die Gesamtlage. Der Rhein blieb fortan die Grenze zwischen dem von den Römern besetzten und dem so genannten Freien Germanien.

Die Gründung der zivilen Stadt war gleichbedeutend mit einer Verheißung römischer Lebensweise für Germanen und Gallier. Römern, die als Soldaten mit ihren Angehörigen an den Rand des Römischen Reiches zogen, war dies ebenso vertraut wie anderen Personengruppen, die im Schlepptau des Militärs aus Nordita lienoder Südfrankreich an den Rhein kamen. Für viele germanische Familien bedeutete das neue Zeitalter einen Bruch mit ihrer bisherigen Biografie. Folgt man Tacitus, war für manche die römische Lebensweise der Inbegriff der humanitas (Menschlichkeit), die der menschlichen Natur einschließlich der Bildung innewohnte, für andere schlichtweg Sklaverei. Stadtleben nach römischem Vorbild umschmeichelte die Menschen mit Annehmlichkeiten, bedingte andererseits die Aufgabe von Autonomie und das Einpassen in die römische Machtstruktur. Eine Stadt zu gründen, bedeutete Macht auszuüben. Städte verbreiteten römische Kultur, römische Werte und römische Verwaltungsstrukturen. Unterworfene wurden erst zu Verbündeten, dann zu Mitbürgern.

Köln war zunächst eine civitas, hatte aber seit ihren Anfängen überregionale Bedeutung. Die Stadt war Mittelpunkt des Kultes der Roma und des Augustus in Germanien. Am entsprechenden Altar, der ara, kamen Fürsten besiegter Germanenstämme zusammen und bildeten gemeinsam den Provinziallandtag, ein Gremium, das nach römischem Ritus Roma als religiös überhöhter Personifikation des Staates Opfer darbrachte – ein deutlicher Unterwerfungsgestus und eine unerlässliche Loyalitätsbekundung. Zudem hatte der Oberbefehlshaber aller römischen Truppen am Rhein in Köln sein Hauptquartier. Die Entwicklung zur Hauptstadt der Provinz Niedergermanien war vorgezeichnet und ab dem Ende des 1. Jahrhunderts dann Realität.

 

Die Archäologie lässt erkennen, dass im frühen 1. Jahrhundert neben römisch geprägten Fachwerkhäusern bereits repräsentative Gebäude aus Stein existierten. Das Straßenraster war schachbrettartig gestaltet. Im Jahr 50 erhielt die damalige civitas das höchste Recht, das einer Siedlung verliehen werden konnte – das einer colonia. Damit wurde Köln endgültig zur Metropole. Alle Bewohner*innen waren nun römische Bürger*innen. Die Verleihung lag allein in Händen des Kaisers und umfasste im Falle von Köln die gezielte Ansiedlung von Veteranen als kaiserliche Versorgungsleistung nach 20 bis 25 Jahren Militärdienst. In einem religiösen Akt wurden eine Kuh und ein Ochse vor einen Pflug gespannt und eine Furche gezogen, die den Verlauf der künftigen Stadtmauer bestimmte. Köln wurde zum Abbild Roms in der Fremde und hieß fortan Colonia Claudia Ara Agrippinensium.

Die Ausgestaltung des rechtlichen Verhältnisses zum Staat war für Köln günstig. Die hier lebenden römischen Bürger konnten Grundbesitz erwerben und waren von bestimmten Steuern befreit. Die Stadt selbst war im römischen Sinn urban geprägt. Der Lobredner Aelius Arestides (117 – 181 n. Chr.) charakterisierte mit Blick auf die griechischen Städte ihr Wesen: »Überall gibt es Gymnasien, Brunnen, Vorhallen, Tempel, Werkstätten und Schulen.« Für Tacitus gehörten templa fora domus dazu – »Tempel, öffentliche Plätze und Häuser«. Als Inbegriff der römischen Lebensart betrachtete er porticus et balinea et conviviorum elegantiam – »öffentliche Wandelhallen, Bäder und die Feinheit von Gastmählern«. All das ist für das römische Köln nachweisbar. Die imposante Erscheinung des Mauerrings unterstrich die Bedeutung der Stadt. Eine steinerne Wasserleitung transportierte frisches Wasser nach Köln und speiste die großen öffentlichen Bäder. Ein unterirdisches Kanalsystem führte die Abwässer in den Rhein. Zahlreiche Tempel und Großbauten zierten vor allem die in Terrassen gegliederte und zum Rhein gerichtete Ostseite. Am Schnittpunkt der beiden Hauptstraßen lag eine weitläufige Platzfläche; dieses Forum diente der Kommunikation zwischen den Einwohnern und den Machthabern und war repräsentativ ausgebaut. Eine im Halbrund konzipierte, nach Osten sich öffnende Säulenhalle mit maximalem Durchmesser von 141 Metern (außen) bildete den Abschluss im Westen, während an anderen Seiten große Hallen den freien Platz fassten. Darin tagten der Stadtrat sowie Gerichte, auch Geschäfte wurden abgewickelt. Ein Amphitheater muss es gegeben haben, eine öffentliche Bibliothek konnte jüngst nachgewiesen werden. Dem Statthalter des Kaisers, einer bedeutenden Persönlichkeit aus dem stadtrömischen Senat, stand ein weitläufiger Palast zur Verfügung. Noch heute bezeugen die Fundamente des Praetoriums seine monumentale Größe. Die Kaiser förderten den Ausbau der Colonia. Auch die privaten Fachwerkbauten wurden ab der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts nach und nach durch Häuser aus Stein, bisweilen unterkellert, ersetzt.

Köln boomte. Über den Rhein war die Stadt in einen überregionalen Wirtschaftraum eingebunden, das Handwerk erweist sich nach den archäologischen und in schriftlichen Quellen als arbeitsteilig und hochgradig differenziert. Der Wohlstand führte zu Bevölkerungswachstum und zur Erweiterung der Siedlungsfläche jenseits der Stadtmauer mit Suburbien. Zur Stadt gehörte ein großräumiges Gebiet, das im Falle von Köln im Norden bis nach Krefeld, im Süden ins Brohltal und im Westen bis nach Belgien reichte. Alle auf diesem Territorium lebenden Menschen gehörten rechtlich zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Die fruchtbaren Lössböden um Köln teilten sich zahlreiche landwirtschaftliche Gutsbetriebe untereinander auf. Gewinnorientiert trugen sie einerseits zur Versorgung der Region und darüber hinaus bei, andererseits führte der Reichtum der Gutsbesitzer zu politischem Einfluss im Zentralort. Auf dem Höhepunkt der Entwicklung lebten in Köln schätzungsweise bis zu 40 000 Menschen. Die Atmosphäre zur Blütezeit der rheinischen Metropole drückt ein Zitat des christlichen Schriftstellers Tertullian (ca. 150 – 220 n. Chr.) treffend aus: »Überall stehen Häuser, überall gibt es Menschen, überall ist Leben.«

Text: Dirk Schmitz

Dr. Dirk Schmitz ist Archäologe. Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf den Provinzen des Römischen Reiches. Er ist Stellvertretender Direktor des Römisch-Germanischen Museums der Stadt Köln.