Mexiko–Stadt
Rautenstrauch-Joest-MuseumDie Einheimischen nennen sie »El Monstruo« – das Monster. Mexiko-Stadt gilt als dreckig, gnadenlos überfüllt und – in den letzten Jahren erst recht – als brandgefährlich. Horrorgeschichten vom tobenden Drogenkrieg in der Millionen-Metropole taugen nicht zur Imagepolitur. Der historische Stadtplan lässt diese Dimensionen noch nicht erahnen: 1932 veröffentlicht, sollte er die neuen elektrischen Straßenbahnen bewerben, die im selben Jahr den letzten Maultier-Zug ablösten. Der Plan präsentiert Mexiko-Stadt als moderne, aber traditionsbewusste Großstadt, die ihre indigenen vorspanischen Wurzeln pflegt. Gezeichnet hat ihn Emily Edwards, einst eng verbunden mit der mexikanischen Kunstelite um Diego Rivera und Frida Kahlo.
Nicht nur die Einheimischen, auch Anne Slenczka, Amerika-Kuratorin am Rautenstrauch-Joest-Museum (RJM) weiß, dass sich das »Monster« bändigen lässt und vor allem viele liebenswerte Seiten hat. Fünf Jahre lang hat sie – etappenweise – in der Megacity gelebt und gearbeitet. Erstmals 1987 – das Jahr, in dem ihr historisches Zentrum UNESCO-Welterbe wurde. Da zählte die Stadt mit knapp 20 Millionen Einwohner*innen noch zu den größten Metropolregionen der Welt, während heute Tokio mit gut 38 Millionen diese »Hitliste« anführt. Anfang der 1990er-Jahre absolviert die Lateinamerika-Kennerin ein Praktikum im Museum del Templo Mayor. Die Überreste des Haupttempels der Azteken bilden – gemeinsam mit Kathedrale, Hauptplatz und dem Nationalpalast – das Zentrum. Der Templo Mayor wurde erst 1978 entdeckt und freigelegt, weshalb man ihn auf dem Stadtplan aus den 1930er-Jahren vergeblich sucht. Für Anne Slenczka ist Mexiko-Stadt ein faszinierendes Erlebnis. Mit Vierteln, deren Häuserzeilen, Parks und Brunnen an Paris erinnern. Neben der hohen Museumsdichte existiert eine quirlige Kunst- und Kulturszene. Gleichzeitig finden sich Stadtteile, die indigenen Dörfern inmitten der Metropole gleichen und deren Bevölkerung das Stadtzentrum bisweilen gar nicht kennt. Viele Migrant*innen vom Land leben aber auch in slumähnlichen Gebieten ohne fließendes Wasser und von Gelegenheitsjobs. »Mit dem Aufeinanderprallen dieser radikalen Gegensätze muss man umgehen können«, berichtet Slenczka, »bei mir führte es dazu, dass ich mich trotz meiner Arbeit in großen Museen bewusst für das Thema indigener Communitymuseen und alternativer Museologie als Promotionsprojekt entschied.«
In Zeiten von Corona spiegelt sich aktuell wider, wer sich in Mexiko-Stadt »Abstand« leisten kann: Die Straßen der wohlhabenden Viertel sind menschenleer, während am Stadtrand das Leben mit dicht frequentierten Straßenständen und Märkten aus purer Not kaum verändert weitergeht. Vieles aber hat sich in den vergangenen Jahrzehnten auch zum Positiven gewandelt: In den 1990er-Jahren wohnte Anne Slenczka an einer achtspurigen Straße. Die Luft war teils so schlecht, dass die Skalen der Ozonmessgeräte nicht ausreichten. Heute fallen im Stadtbild öffentliche Leihfahrräder und Elektrotaxis ins Auge. Und im Zentrum gibt es autofreie Sonntage. Zuletzt reiste die Kuratorin 2015 im Rahmen der Vorbereitungen für die große Pilgerausstellung im Rautenstrauch-Joest-Museum nach Mexiko-Stadt. Nicht nur dann kommen ihre engen Kontakte zu den Kolleg*innen am Ort auch der Arbeit und der Sammlung des RJM zugute.
New York
Museum LudwigEine Alltagsszene, so banal wie ergreifend: Eine Frau hinter Glas, im kühlen Neonlicht – allein am einzigen Tisch eines Restaurants. Draußen, vor der breiten Fensterfront trottet ein Passant vorüber. Teilnahmslos und in sich gekehrt. Die Glasscheibe wird zur unüberwindbaren Schwelle zwischen Drinnen und Draußen. Die Szenerie – ein eingefrorener Moment im Großstadtgewimmel, ein melancholischer Augenblick, wie man ihn aus den Bildern von Edward Hopper kennt, wo einsame Zeitgenossen in leeren Wohnungen und Lokalen hocken. Oder aus Gedichten von Kurt Tucholsky: »Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider – was war das? Vielleicht dein Lebensglück … vorbei, verweht, nie wieder.« Die Großstadt als flüchtiger Ort, Ursache menschlicher Isolation. Nichts Neues, aber in Zeiten des Virus und des »Social Distancing« bekommt das alles – zumal in New York, dem schicksalhaften Hotspot der Corona-Pandemie – einen gespenstisch aktuellen Bezug. Auch wegen unzähliger Covid 19-Opfer aus der tagesaktuellen Sterbestatistik. Gesichtslos – wie Segals bleiche Gipsfiguren.
George Segal (1924 – 2000), Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen, in New York geboren, kommt als Spätberufener zur Bildhauerei. In seinem Atelier – nahe dem Big Apple, auf einer Farm, wo er einst Hühner züchtete – malt Segal glücklos wie die amerikanischen Expressionisten der 1950er-Jahre. Mit der seinerzeit so gefeierten Pop-Art kann er sich nicht anfreunden und kommt auf die Idee, seine Bildmotive, stets Menschen, in reale Räume zu versetzen. So beginnt der Künstler, vornehmlich die eigene Lebenspartnerin wie auch seinen Galeristen in gipsgetränkte Bandagen zu wickeln, um daraus lebensgroße Figuren aus Draht, Federn und Gips zu formen. Prototypen und Statisten auf seiner Bühne entlarvender Alltäglichkeiten, real und doch seltsam entrückt: Ein urbanes Panoptikum – der Busfahrer am Steuer, das Liebespaar im Treppenhaus, der letzte Gast an der Theke. Denkmäler ohne Sockel – stets auf Augenhöhe der Betrachtenden.
Moskau
Museum Ludwig
Viel passiert im Leben des Wassily Kandinsky (1866 – 1944). Hat der russische Grafiker und Künstler doch gerade gemeinsam mit Franz Marc in Deutschland Furore gemacht. »Der Blaue Reiter« nennt sich ihre Bewegung, und Kandinskys Malerei – erst noch nah an der Natur – wird deutlich abstrakter. Farben und Formen sollen sich vom Gegenstand befreien. Mit Gabriele Münter, seiner ehemaligen Schülerin und Lebenspartnerin, bereist er die Metropolen Europas und Tunis, lehrt, malt, organisiert Ausstellungen und entwirft 1912 für die Kölner Parfümfabrik Farina, die älteste heute noch bestehende Duftmanufaktur der Welt, einen Flakon, der schon zehn Jahre vor Gründung des Bauhauses dessen Formen vorwegnimmt. Kandinskys Lebensplan gerät jedoch aus den Fugen – angesichts der Kriegserklärung Deutschlands an Russland am 1. August 1914 flüchtet er in die Schweiz und schließlich nach Moskau. In seinem eigenen Mietshaus mit Blick auf den Zubowski-Platz bezieht er eine großzügige Wohnung im Dachgeschoss, wo auch die russische Avantgarde – darunter die Künstler Kasimir Malewitsch und Alexander Rodtschenko – ein- und ausgeht. Erst langsam besinnt er sich wieder auf die Malerei und auf das, was er sieht. Kandinsky schreibt der nach Stockholm emigrierten Münter, von der er sich wenig später trennt: »Ich arbeite viel. Ich mache die ganze Zeit Landschaften von meinen Fenstern aus: bei Sonne, in der Nacht, bei bedecktem Himmel. Ich finde das unterhaltsam und (…) studiere die verschiedenen Farbharmonien. Und wann immer ich denke, ich sollte vielleicht aus dem Haus gehen, fühle ich mich richtig schlecht.« Nicht ganz unbegründet, denn da draußen braut sich einiges zusammen: 1917 wird Kandinsky während der Oktoberrevolution enteignet, um sein nicht unbeträchtliches Vermögen wie auch um seine Immobilie am Zubowski-Platz gebracht.
Paris
Käthe Kollwitz Museum Köln
Bei Reisenden aus Fernost wird es zunehmend beobachtet: das »Paris-Syndrom«. Japanische Tourist*innen verzweifeln und leiden, wenn die Seine-Metropole, verehrt als Stadt der Liebe, Kunst und Eleganz, so gar nicht ihren lang gehegten Erwartungen entspricht. Ruppig statt romantisch, Müll statt Monet. Käthe Kollwitz (1867 – 1945) konnte das nicht schrecken. Als die Künstlerin im Jahre 1904 zwei Monate lang in Paris weilt, ist sie »bezaubert«. Paris ist zu jener Zeit der Inbegriff der modernen Stadt, mit breiten Boulevards, sternförmigen Plätzen und großbürgerlichen Gebäuden. Tagsüber besucht Kollwitz Cafés, Museen, Ateliers und vor allem die Plastik-Klasse der Akadémie Julien. Nachts findet man sie in den Tanzlokalen auf dem Montmartre und dem Montparnasse, aber auch in den zwielichtig-düsteren Kellerkneipen unter den Markthallen. Der Schriftsteller und Kunstkritiker Wilhelm Uhde (in die Spelunken kommt die Dame nur in Herrenbegleitung) erinnert sich: »[Im] Caveau des Innocents saßen die jungen Mörder, Kinder, trunken von Liebe und Eifersucht, während draußen Türen schlugen, in der Finsternis Schreie wie von Sterbenden tönten.« Die Atmosphäre der Halbwelt inspiriert Käthe Kollwitz zu einer Reihe von Zeichnungen, die heute zu ihren modernsten Werken gehören.
Venedig
Wallraf-Richartz-Museum & Fondation CorboudNicht mehr als 13 Quadratkilometer misst die »Serenissima Repubblica di San Marco (Die Durchlauchtigste Republik des hl. Marco)«. Mit ihrer Ausstrahlung, ihren Kanälen, den herrschaftlichen Palästen – Relikte der wirtschaftlichen Blüte im Mittelalter – und ihrem Karneval verdrängt Venedig, die Hauptstadt der Republik, im 19. Jahrhundert sogar das ewige Rom vom Spitzenplatz der schönsten Metropolen Italiens. »Man kann aus Venedig nicht abreisen, ohne sofort wiederkommen zu wollen«, schwärmt der Maler Claude Monet. Die stets vom Untergang bedrohte Lagunenstadt befeuert die Fantasie der Romantiker und Impressionisten. Auch der aus Erfurt stammende Friedrich Nerly (1807 – 1878) verfällt der Stadt, ihrem Licht, ihren Farben und bleibt ihr treu. Mehr als vier Jahrzehnte lebt er in der Serenissima und stillt mit seinen Gemälden und Aquarellen die allgemein grassierende Italiensehnsucht.
Der »Porträtist Venedigs« lebt gut davon. Zur Freude der in Scharen in die Stadt einfallenden Bildungstourist*innen zählen zu dessen liebsten Motiven die bekannten Sehenswürdigkeiten: Dogenpalast und Piazzetta, Piazza San Marco samt Markuskirche und der Canal Grande mit den prunkvollen Palazzi. Die romantische Ansicht der nächtlichen Piazzetta aus der Sammlung des Wallraf bringt Nerly insgesamt 36 mal auf die Leinwand. Und wie man heute weiß, malt er sie tagsüber, also im Sonnen- statt im Mondenschein. Die bis heute ungebrochene Zuneigung der Reisenden ist für die Einheimischen Segen und Fluch zugleich – etwa 50 000 wohnen in der Stadt, die jährlich an die 30 Millionen Reisende besuchen. So hat La Serenissima mit vielen Problemen zu kämpfen – den Menschenmassen, dem Absacken ihrer Gebäude, dem Verfall der Kulturschätze, steigenden Pegelständen und Jahrhundert-Hochwassern als Folge des Klimawandels. Und um zumindest nicht vollends zum Vergnügungspark à la Disneyland zu verkommen, greift die Verwaltung inzwischen zu rabiateren Mitteln: Eintrittsgelder für Tagestouristen, Strafen für Fehlverhalten wie für das Bad in den Kanälen und für eine allzu legere Kleiderordnung der durchs Gedränge Flanierenden.
Kanton
Museum für Ostasiatische Kunst KölnSchon im 19. Jahrhundert zählt Kanton (Guangzhou) im Süden Chinas mit etwa einer Million Einwohner*innen zu den größten Städten des Landes. Im einzigen Hafen des Kaiserreichs, der auch ausländischen Händlern offensteht, werden in Europa so begehrte Waren gehandelt wie Tee, Gewürze, Porzellan, exotische Pflanzen und Seide. Umgekehrt zeigt China allerdings wenig Interesse an europäischen Produkten. Der Versuch der Briten, indisches Opium anstelle des teuren Silbers als Tauschmittel einzuführen, gipfelt in den sogenannten Opiumkriegen. Im Kampf gegen das Rauschgift und die Engländer muss das Reich der Mitte die Waffen strecken. In den 1860er-Jahren, als die Aufnahme entsteht, ist Kanton wie Hongkong bereits Außenposten des britischen Empires. Der Handel floriert – die Großstadt pulsiert. Da kann es in den – im Vergleich zu denen in Europa – extrem schmalen Geschäftsstraßen mit Läden dicht an dicht schon mal eng werden. Der schottische Fotograf John Thomson schreibt 1873 in sein Reisetagebuch: »Die Läden in guten Straßen sind von fast einheitlicher Größe; (…) in jedem gibt es eine Wohnung, die zur Straße geht, und eine Theke aus Granit oder Ziegelstein, um die Waren auszulegen. Auf einem Granitsockel steht auch das senkrechte Aushängeschild. (…) Man kann Aushängeschilder als gute Beispiele für die Straßenliteratur Chinas betrachten, die die nationale Neigung der Geschäftsinhaber zeigen, noch ihre einfachsten Waren mit einer hochgestochenen klassischen Wendung anzupreisen, die, soweit ich sehen kann, in keinerlei Beziehung zum Inhalt des Ladens stehen.« Tatsächlich laden die Reklametafeln der chinesischen Einkaufsmeilen zum Lesen ein – die Texte, Namen und Werbeslogans spielen auf berühmte literarische Vorbilder und Ideen an. Sie versprechen den »ewigen Frühling«, »doppeltes Glück«, »große Harmonie« und preisen Produkte wie das »Elixier der Unsterblichkeit« an. Das wirkt aus westlicher Perspektive manchmal naiv und unfreiwillig komisch, aber – seit wann gehört die Übertreibung nicht auch bei uns zum gängigen Stilmittel?