Herr Dr. Piehler, Sie sind dem Rautenstrauch-Joest- Museum – Kulturen der Welt nicht nur als Vorsitzender der Museumsgesellschaft des RJM verbunden, sondern auch ganz persönlich über beide Stifterfamilien?
Ja, das ist richtig. Ludwig Theodor von Rautenstrauch, der 50 Jahre Vorsitzen der der Museumsgesellschaft war und 2018 verstorben ist, war mein Schwiegervater. Er vereinte beide Stifterfamilien in seiner Person. Den Grundstock der Sammlung bilden 3 500 Objekte, die sein Großonkel Wilhelm Joest von zahlreichen Weltreisen mitbrachte. Als er 1897 in der Südsee dem Schwarzwasserfieber erlag, hinterließ er die Objekte seiner Schwester Adele, die mit dem Kölner Kaufmann Eugen Rautenstrauch verheiratet war, den Großeltern meines Schwiegervaters. Sie schenkten diese Sammlung und auch die Mittel für den Bau des Museumsgebäudes am Ubierring der Stadt Köln.
Warum braucht ein Museum Freunde?
Lassen Sie mich zurückfragen: Warum braucht der Mensch Freunde? Zum einen, weil er ein geselliges Wesen ist, ein Zoonpolitikon, wie die Griechen sagten. In Gesellschaft Gleichgesinnter fühlt er sich wohl. Auch für ein Museum ist es wichtig, dass sich Menschen zu ihm bekennen. Ein Museum braucht Rückhalt in der Gesellschaft, es braucht Freunde, denen das, was das Museum tut, wichtig ist, die es begleiten und im Gespräch halten, selbst wenn die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gerade anderen Dingen zugewandt ist. Freunde sorgen für eine Verankerung des Museums in der Stadtgesellschaft. Freunde helfen, Mittel zu beschaffen, die das Museum zur Erfüllung seiner Aufgaben braucht und zu deren Beschaffung die öffentliche Hand nicht immer in der Lage ist. Das kann, muss aber nicht durch Spenden geschehen. Auch die Vermittlung von Kontakten zu Stiftungen, Fördernden und Sponsoren sind wichtige Aufgaben der Freunde eines Museums. Sie sind Auffangnetz und Netzwerker für das Museum. Aber Freunde üben auch Kritik, wenn sie das für erforderlich halten. Entscheidend ist: Kritik von Freunden ist nicht zerstörerisch, sondern wohlmeinend.
Welche Ziele verfolgt die Museumsgesellschaft?
Bis 2019 waren die satzungsmäßigen Ziele der Museumsgesellschaft streng auf die Förderung von Wissenschaft und Forschung ausgerichtet. Gefördert wurden wissenschaftliche Vorträge und Publikationen, Ausbau und Ergänzung der Sammlung sowie der Bibliothek. Seit 2019 können wir auch andere Veranstaltungen zur Heranführung an das Museum unterstützen. Dieser pädagogischen Aufgabe messen wir große Bedeutung bei. Wir machen das mit Angeboten, wie beispielsweise der sehr erfolgreichen Reihe »Junge Entdecker« in Kooperation mit dem Museumsdienst. Wir organisieren eigene Vorträge. Gerade haben wir mit einer Online-Vortragsreihe begonnen, um unseren Mitgliedern etwas in Zeiten zu bieten, in denen das Museum geschlossen ist. Außerdem fördern wir ehrenamtliches Engagement. Neben dem Infostand und dem Arbeitskreis Führungen betreibt die Museumsgesellschaft zusammen mit dem Freundeskreis des Museum Schnütgen den Museumsshop, der bis auf die Leiterin ausschließlich von ehrenamtlichen Mitgliedern der Museumsgesellschaft geführt wird. Immer, wenn ich das Museum betrete, erfreue ich mich an dem sehr individuellen und anspruchsvollen Konzept.
Das RJM ist eines der bedeutendsten ethnologischen Museen Deutschlands. Wo sehen Sie besondere Herausforderungen für das Haus angesichts der Globalisierung und weltweiter Probleme wie Pandemie und Klimawandel?
Diese Herausforderungen sind Steilvorlagen für Ausstellungen in einem ethnologischen Museum. Die Welt ist globalisiert. Ob wir es wollen oder nicht, werden wir pausenlos mit Themen aus aller Welt auf unseren Smartphones versorgt. Die Globalisierung ist in unserem Leben allgegenwärtig. Nehmen Sie den Kauf eines T-Shirts. Im RJM wird seit zehn Jahren gezeigt, dass an der Herstellung eines T-Shirts Menschen aus aller Welt mit einzelnen Arbeitsgängen beteiligt sind und ein solches T-Shirt über 50 000 km zurücklegt, bevor es zu uns in den Handel kommt. Anfang 2019 hatten wir eine sehr erfolgreiche Sonderausstellung »Fast Fashion«, in der den Besuchern die Umweltprobleme und die Schattenseiten der globalisierten Arbeitswelt in der Modeherstellung vor Augen geführt wurden. Weitere Themen sind die Migration und ihre Ursachen, die gewachsene Fremdenfeindlichkeit sowie das Thema der vergangenen Sonderausstellung »RESIST! Die Kunst des Widerstands«, mit der unsere Direktorin Nanette Snoep in Zusammenarbeit mit Kurator*innen aus den Herkunftsgesellschaften 500 Jahre antikolonialen Widerstand im Globalen Süden und die fortdauernden Auswirkungen kolonialer Unterdrückung in den Fokus nimmt. All dies wird von der Museumsgesellschaft gefördert.
Gibt es Projekte, die Ihnen besonders am Herzen liegen?
Der Kulturvergleich, der die Dauerausstellung prägt, begeistert mich stets aufs Neue. Ich bin Jurist und habe mich seit meinem Studium und auch in meiner Dissertation mit rechtsvergleichenden Fragestellungen befasst. Hier wie dort geht es darum, welche Antworten unterschiedliche Kulturen auf die sich oft ähnlich stellenden Fragen des menschlichen Zusammenlebens gefunden haben. Für die Zukunft liegen mir zwei Dinge besonders am Herzen: Das eine ist ein verstärktes Engagement des Museums im Umgang mit dem Islam. In einer Stadt, in der ein Fünftel der Bevölkerung Wurzeln in durch den Islam geprägten Ländern hat, kann ich nicht verstehen, dass unser Museum keine eigene Stelle für eine*n Islamwissenschaftler*in hat. Man mag darüber streiten, ob der Islam zu Deutschland gehört. Dass er zu Köln gehört, ist unübersehbar. Deshalb müssen wir uns mit ihm befassen, ihn eingehend kennenlernen und zuhören und verstehen, was der Islam den in ihm verwurzelten Menschen bedeutet. Wir haben uns mit der Max Freiherr von Oppenheim Stiftung zusammengetan und uns gemeinsam bereit erklärt, zunächst eine halbe Stelle für ein Jahr zu finanzieren, um eine Initialzündung für dieses Thema zu starten. Die andere Aufgabe ist, Jugendliche stärker für das Museum und die Museumsgesellschaft zu interessieren. Wir wollen junge Menschen dafür gewinnen, sich dem Museum als festen Rückhalt, also als Freunde, anzubieten. Die Themen des Museums sind menschlich und politisch so vielfältig, dass es jungen Menschen ein Anliegen sein müsste, mitzuarbeiten und mit dem Museum die wachsende Vielfalt unserer Gesellschaft sichtbar zu machen und zur gegenseitigen Akzeptanz beizutragen.