Design kann man hören

Annalena Knors macht Objekte für blinde und sehbehinderte Menschen »sichtbar«

Blind im Museum? Das ist kein Widerspruch. Immer mehr Häuser bieten blinden oder sehbehinderten Besucher*innen praktische Hilfestellung, damit ein Ausstellungsbesuch auch für sie zum lohnenden Erlebnis wird. In Zusammenarbeit mit der Kulturwissenschaftlerin Annalena Knors, selbst blind, entwickelte das MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln den Audioguide für eine Sonderschau mit 34 internationalen Designikonen.

Annalena Knors (links) und Kuratorin Romana Rebbelmund mit dem »Ericofon« von 1954: Das frühe Kunststofftelefon verbirgt Wählscheibe und Auflege-Knopf unter seinem Fuß.

Annalena Knors (links) und Kuratorin Romana Rebbelmund mit dem »Ericofon« von 1954: Das frühe Kunststofftelefon verbirgt Wählscheibe und Auflege-Knopf unter seinem Fuß.

Designgeschichte – das ist für die Mitarbeiter*innen des MAKK vertrautes Terrain. Deutlich vertrauter als die Erwartungen und Bedürfnisse von Besucher*innen, die eben nicht in Formen und Farben schwelgen können – weil sie nichts oder nur eingeschränkt sehen. So gilt es für Annalena Knors als geschulte Museumsberaterin zunächst, das Team für die neue Herausforderung zu sensibilisieren – und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie das Haus seine Besucher*innen mit Handicap unterstützen kann: »Inklusion und Teilhabe«, so die 30-Jährige, die in Frankfurt an der Oder und Berlin studiert hat, »das sind Themen, die auch Museen in Zukunft immer stärker beschäftigen werden. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Seheinschränkung, sondern im Allgemeinen darum, die Vorstellungen der Besucher*innen und der Museen in Einklang zu bringen.«

Bei ihrem Einsatz für das Kölner MAKK legt Annalena Knors persönlich »Hand an«: In einem über fünfstündigen Arbeitsmarathon tastet sie sich durch fast einhundert Jahre Produkt- und Möbeldesign. Von Rietvelds »Rot-Blauem Stuhl« aus dem Jahr 1918 über den iMac bis hin zum in 3D-Technologie gedruckten »Generico Chair«. Jedes der 34 Objekte wird ihr zunächst grob beschrieben, um es bezüglich der Größe, des Materials und seiner Funktion einordnen zu können. Dann geht es an die Feinarbeit - Zentimeter für Zentimeter tastet Annalena Knors sich vor, schildert ihre Eindrücke und Empfindungen. Dieses »Ensemble an Wahrnehmungen« fließt schließlich in den Text des Guides ein, der gemeinsam mit einer Autorin erarbeitet wird. »Dabei muss jedes Wort hinterfragt und abgewogen werden, damit in den Köpfen der blinden Besucher*innen kein ungenaues oder sogar falsches Bild entsteht.« Die Begriffe müssen konkret sein, nicht zu vage, aber auch nicht zu blumig-poetisch. Selbst wenn Annalena Knors bei dieser Arbeit ihre persönlichen Emotionen zurückstellen muss, bei dem einen oder anderen Objekt gerät sie ins Schwärmen, denn wie ein Sehen der oder eine Sehende hat auch sie ihre Lieblinge: den US-amerikanischen »President«, ein torpedoförmiges Staubsauger-Modell von 1940. Was ihr daran besonders gefällt? »Die dynamische und stimmige Form, dass er Kufen hat wie ein Schlitten und oben einen Griff wie der Clip eines Kugelschreibers.« Andererseits werden der amerikanische Nierentisch aus den 1930ern und Annalena Knors in diesem Leben keine Freunde mehr. Ihn empfindet sie nach dem Abtasten als eher kühl und abweisend.

Insgesamt ist die Audio-Tour für sehbehinderte Menschen ein erster und wichtiger Schritt, ein weiterer wäre etwa ein Bodenleitsystem, welches eine Orientierung im Museum erheblich erleichtert. Das allerdings scheint im MAKK momentan angesichts der räumlichen Bedingungen noch schwer umsetzbar. Überhaupt beschwört Annalena Knors das Museum als Gemeinschaftserlebnis: »Im Grunde könnte man sich den Audioguide ja auch in aller Ruhe zu Hause anhören«. Das aber findet sie »eher uninteressant«. Der Austausch mit der Begleitperson ist für sie besonders wichtig: »Es gibt doch nichts Schöneres, als beim Rundgang oder danach bei einer Tasse Kaffee über die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu sprechen«.

Das MAKK — Museum für Angewandte Kunst Köln zählt mit seinen Exponaten zu den größten und qualitativ anspruchsvollsten Sammlungen Europas. Fast alle bedeutenden Designer*innen sind hier mit ihren Arbeiten vertreten. Ergänzt um die umfangreiche Stiftung von Prof. Richard G. Winkler, bietet es zudem nordamerikanisches und westeuropäisches Design des 20. und 21. Jahrhunderts im Dialog mit hochkarätigen Werken der Bildenden Kunst.

Text & Fotos: Rüdiger Müller