Im Land der Himmelsstürmer

Wie ein deutscher Einwanderer den amerikanischen Traum auf Fotoplatten bannt

Es war einmal – in New York: als die Häuser rekordverdächtig in die Wolken wachsen. Als die Reiseführer von der Größe und dem Überfluss der Stadt schwärmen, von gewaltigen Gebäuden, Türmen und Kirchen. Und alle konkurrieren sie miteinander um den Titel »Höchstes und Größtes«. Zumindest einen Etappensieg erringt das »Woolworth Building«, zwischen 1910 und 1913 am Broadway im Auftrag des Gründers der Kaufhaus kette erbaut. Der 241 Meter hohe Koloss mit seinen 57 Stockwerken und einer mit gotischen Spitzbögen und Wasserspeiern reichlich verzierten Fassade gilt lange Zeit als achtes Weltwunder. US-Präsident Woodrow Wilson höchstselbst bringt zur feierlichen Eröffnung der stattlichen »Mutter aller Wolkenkratzer« deren 80000 Lampen zum Glühen via Fernschaltung aus dem Weißen Haus in Washington.

Alfred Stieglitz, Old and New New York (Altes und neues New York), Fotografie

Alfred Stieglitz, Old and New New York (Altes und neues New York), Fotografie, 1910, Wikimedia Commons, gemeinfrei

Im Größenwahn

Erst der moderne Stahlskelettbau und starke Fundamente aus Beton mit stabilisierenden Luftdruckkammern machen dermaßen dimensionierte Bauten möglich. Für Alfred Stieglitz (1864 – 1946), Sohn deutsch-jüdischer Einwanderer, versprühen sie von Anfang an eine geheimnisvolle Faszination. Im Guten wie im Bösen. Überall in der Stadt streben sie dem Himmel entgegen, markieren den Wandel vom rauen Seehafen zur modernen Metropole. Stieglitz schreibt: »Mein New York ist das New York des Übergangs – das Alte geht allmählich ins Neue über.«

1882 hatte Stieglitz’ Vater beschlossen, sich in Europa niederzulassen. In Berlin absolviert der Sohn ein Ingenieursstudium und entdeckt 1883 seine Liebe zur Fotografie. Zu einer Zeit, in der diese nicht als Kunst, sondern als Sparte der Wissenschaft gilt. Als nüchtern und dokumentierend. 1889 zieht es Stieglitz zurück nach New York, wo der sich wandelnde amerikanische Alltag, der Aufbruch in die Moderne, zu seinem Hauptthema wird. Seine Fotografien zeigen die malerische Seite der Stadt – flanierende Menschen auf Kopfsteinpflaster und Pferde fuhrwerke – ebenso wie die mächtigen Vorboten einer neuen Zeit. 1903 setzt Stieglitz das gerade erbaute »Flatiron Building« ins rechte Licht, das sich mit seinem außergewöhnlichen dreieckigen Grundriss erhaben wie der Bug eines riesigen Ozeandampfers den Weg durch einen Dunstschleier bahnt. Stieglitz, der Perfektionist, verzichtet konsequent auf Retusche und fotografiert selbst bei Regen, Nebel und Schnee, um weiche, atmosphärische Stimmungen zu erzeugen. Ganz im Sinne des vor dem Ersten Weltkrieg und vor allem in Europa verbreiteten Stils des Piktoralismus, der sich mit aller Kraft bemüht, die Fotografie als Kunstform zu verankern. Das Foto des »Flatiron« erscheint zunächst in der ab 1903 von Stieglitz herausgegebenen Zeitschrift »Camera Work«. Hier wie auch in seinen Galerien präsentiert er eine Auswahl der wichtigsten Fotografen seiner Zeit, konfrontiert sie mit moderner Malerei und Konzeptkunst, mit Matisse, Cézanne und Duchamp. Und weckt so die Neugier der Amerikaner auf die europäische Avantgarde.

Neu trifft auf Alt

Seine Arbeit als Galerist hält ihn über Jahre dermaßen in Atem, dass Stieglitz erst im Jahr 1910 selbst wieder zur Kamera greift. Seine Motive bleiben die der unaufhörlich wachsenden Großstadt, doch sind es mehr und mehr die gespenstisch kühlen Eisenkonstruktionen der Neubauten, die ihn in ihren Bann ziehen. Eine Kulisse wie in »Old and New New York«, wo sich im Vordergrund noch ein paar viktorianische Sandsteinhäuser ducken und die Passanten verloren über das Trottoir huschen. Später fotografiert er die streng geometrischen Formen der Baustellen und Häuserschluchten bevorzugt mit dem nötigen Abstand und aus schwindelerregender Höhe – aus seiner Wohnung auf der 30. Etage des Shelton Hotels.

Text: Rüdiger Müller