Reif für die Insel

Ein Gespräch über das Erinnern. Und die Demokratie als Abenteuer

Zurück in die Zeit, als das EL-DE-Haus, Ecke Appellhofplatz und Elisenstraße, ein Ort des Schreckens war: der Kölner Sitz der Gestapo, Hitlers Geheimer Staatspolizei. Zwischen 1935 und 1945 wurden hier vermeintliche Volksfeinde, Widerständler und Kriegsgefangene verhört – manchmal über Monate in kargen Zellen mit Holzpritsche weggesperrt, brutal misshandelt, ohne Urteil am Galgen erhängt. Déjà-vu. Die Geschichte des Gebäudes im Hinterkopf, überfällt manch einen noch heute ein mulmiges Gefühl, wenn er über die Schwelle tritt.

Ludwig Sebus, Werner Jung und Bastian Campmann im Gespräch

Drei Generationen, ein Thema – die Zukunft des NS-DOK (v. l.): Ludwig Sebus, Werner Jung und Bastian Campmann

Ludwig Sebus erinnert sich: Er war gerade zehn, als sein Vater zum Rapport ins EL-DE-Haus beordert wurde. Hatte sich der Sohnemann doch immer erfolgreich ums Antreten bei der Hitlerjugend gedrückt, viel lieber ging er samstags mit Freunden zum Schwimmen nach Müngersdorf. Damit sollte Schluss sein, Sebus – damals schon in der Katholischen Jugend aktiv – war jetzt, was er niemals sein wollte: Hitlerjunge. Und weil der Führer 1936 die Domstadt besuchte, bekam er wie die anderen eine schneidige Uniform und eingebläut, so lautstark wie möglich »Heil, Heil, Heil« zu brüllen, wenn Hitler mit Gefolge und 80-Mann-Musikkapelle in SS-Uniformen vor dem Dom eintrifft.

»Es ist zwar bedrückend, wenn man in den Keller kommt«, so Sebus, »aber es hilft, zumindest ein Stück weit zu begreifen, was das damals für eine Zeit war.«

Als Zeitzeuge ist Ludwig Sebus dem heutigen NS-Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus und dessen Direktor Werner Jung eng verbunden. Der Kölner Sänger begleitet aufmerksam die Arbeit des Hauses, das das finsterste Kapitel deutscher Geschichte mit Nachhall ins Gedächtnis bringt. Unter anderem ist das ein Verdienst der Gedenkstätte – der Gestapozellen im Keller mit den authentischen Inschriften und den in die Wände geritzten Abschiedsbotschaften der Inhaftierten. »Es ist zwar bedrückend, wenn man in den Keller kommt«, so Sebus, »aber es hilft, zumindest ein Stück weit zu begreifen, was das damals für eine Zeit war.« Auch Ausstellungen, Veranstaltungen und Forschungsprojekte des NS-DOK sollen den Besucher*innen die Zeit des »Dritten Reiches« nahebringen.

In diesem Jahr steht das Haus vor einem historischen Schritt: »Angefangen haben wir 1988 als wissenschaftliche Forschungseinrichtung mit ein paar Räumen in der ersten Etage und im Erdgeschoss des EL-DE-Hauses«, so Werner Jung, »und uns dann stetig vorgearbeitet.« 2019 wird das NS-DOK durch den Auszug der letzten städtischen Einrichtungen aus den beiden oberen Etagen – nach dem Krieg waren im Haus zeitweise sogar Standesamt und Rentenstelle der Stadt Köln untergebracht – zum alleinigen Nutzer des Gebäudes. Damit stehen weitere 1400 Quadratmeter, dann insgesamt 4230 Quadratmeter zur Verfügung. Und die will man in erster Linie für Bildungsangebote nutzen – das NS-DOK wächst zum »Haus für Erinnern und Demokratie«.

»Wir setzen etwas Positives dagegen, denn wir arbeiten – anders als die, die immer dagegen sind – für die Demokratie, für die Menschenrechte. Das Wesentliche bleibt, wir wollen zeigen, was war, damit es nie wieder so wird.«

Dafür. Nicht dagegen

Für Bastian Campmann ist das »gerade in diesen Zeiten ein deutliches Signal.« Mit seiner Band Kasalla zählt er zu den Kölner Künstler*innen, die jüngst eine Spendenaktion zugunsten des NS-DOK mit Benefizauftritten unterstützten – und sich auch danach für Demokratieförderung und Bildung engagieren. Für Campmann eine notwendige Aktion: »Anfeindungen, Hassmails, Übergriffe und andere Absurditäten – die Rechten erreichen ja heute die Leute viel flächendeckender. Rechte Splittergruppen hat es ja schon immer gegeben, aber die haben es glücklicherweise nicht nennenswert in die deutsche Politik geschafft.« Auch angesichts wachsender Intoleranz und dumpfer Feindbilder in der Gesellschaft hat sich für Werner Jung der Auftrag seines Hauses nicht verändert: »Wir setzen etwas Positives dagegen, denn wir arbeiten – anders als die, die immer dagegen sind – für die Demokratie, für die Menschenrechte. Das Wesentliche bleibt, wir wollen zeigen, was war, damit es nie wieder so wird.«

Ein »Junges Museum« im EL-DE-Haus soll künftig Kindern, Jugendlichen und Familien die Möglichkeit geben, sich mit der NS-Zeit zu beschäftigen. Das Ange bot von »Erzählcafés« bietet die Chance, die Führungen im Haus nachzubereiten und zu vertiefen. Werner Jung: »Das ist der Vorteil einer lokalen Einrichtung. Sie ist dop pelt konkret: Sie befindet sich dort, wo die Menschen auch leben, und zudem werden häufig in Biografien persönliche Dinge vorgestellt. Auschwitz dagegen ist nicht nur weit weg, sondern lässt sich aufgrund der extremen Brutalität, die dort vorherrschte, kaum begreifen«. Bastian Campmann: »Das hat auch emotional eine ganz andere Qualität, wenn man Zeitgeschichte von denen erfährt, die sie noch selbst miterlebt haben.« Dabei geht es ihm besonders um die alltäglichen Geschichten, »wie es sich verändert, wie es einen selbst damals verändert hat. Es hat ja mal klein angefangen, schleichend durch die Hintertür. Deshalb hoffe ich« (zu Ludwig Sebus), »dass du uns noch mindestens 20 Jahre erhalten bleibst, dass wir noch lange davon profitieren, mit dir und anderen als Zeitzeugen reden zu können.«

Einen neuen Ansatz verfolgt das NS-DOK mit dem geplanten »Erlebnisort« für Gruppen und Schulklassen. In einer aufwendigen Rauminstallation wird Demokratie (wie manchmal auch im echten Leben) zum Abenteuer. Die Szenerie: Die letzten Überlebenden einer globalen Katastrophe retten sich auf die abgelegene Insel »Tristan da Cunha« und sind dort mit ungeahnten Herausforderungen konfrontiert – ihr Miteinander neu zu ordnen, den Alltag eigenständig zu organisieren. Am Ende des Experiments steht so etwas wie ein demokratischer »Gesellschaftsvertrag«, doch der Weg dahin ist steinig: Das Wie und Warum des Zusammenlebens wird diskutiert und spielerisch geklärt, Themen sind die grundlegenden: Nahrung, Wohnen, Sicherheit, Kultur und Arbeit. Werner Jung: »Da geht es dann um Fragen wie: Ist das gerecht, wenn die einen Parcours mit schweren Latrineneimern meistern müssen, die anderen sorgenfrei mit bunten Sonnenbrillen auf der Nase?!« Schließlich müssen sich die Gestrandeten noch einer anderen Problematik stellen – wie gedenken wir derer, die nicht mehr sind, der Opfer jener Katastrophe? U-Turn zum zentralen Thema des NS-DOK. »Erinnerungsorte sollten doch immer auch Lernorte sein«, so Ludwig Sebus, »oder meinetwegen Erkenntnisorte, um die Jungen und die kommenden Generationen sensibel und hell hörig zu machen.«

Das NS-Dokumentationszentrum widmet sich dem Gedenken, Erforschen und Vermitteln der Geschichte Kölns im Nationalsozialismus. Das ehemalige Gestapogefängnis mit seinen zahlreichen Inschriften der Häftlinge stellt einen europaweit ein zigartigen Gedenkort dar. Die Dauerausstellung gibt Einblicke in das politische, gesellschaftliche und soziale Leben in der Stadt während der NS-Zeit.

Text & Fotos: Rüdiger Müller