Von 1949 bis 1980 leitet und gestaltet L. Fritz Gruber (1908 – Köln – 2005) die Bilderschauen im Rahmen der photokina. Weltoffen, tolerant und neugierig wie er selbst, will Gruber dort die Fotografie in seiner ganzen Bandbreite bekannt machen, die deutsche Fotografie der Welt präsentieren und die Fotografie der Welt nach Deutschland holen. Mit ihr kommen die einflussreichen Namen nach Köln. Und zwar ins Haus Gruber. So hatte die amerikanische Starfotografin Annie Leibovitz gerade Alfred Biolek für eine Werbekampagne von American Express fotografiert, den Nachmittagstee nimmt man im Garten der Grubers. Am Ende des Tages steht eine Porträtreihe mit der Dame und dem Herrn des Hauses und ein eigenwilliger Eintrag ins Gästebuch: Dank vorhandenem Stempelkissen hinterlässt Leibovitz ihre Fußabdrücke.
»Wir haben uns nicht entmutigen lassen. Nicht von Kritik oder Rückschlägen, das hat uns eher angefeuert. Nicht von schlechtem Wetter, dann ging man halt mit Hut und Stockschirm raus!«
Was in dieser Zeit angespornt und scheinbar grenzenlos Energie gegeben hat? »Dieses interessante, unheimlich aufregende Leben, die Freundschaften und vor allem, dass ich mich stets mit meinem Mann austauschen, dass man gemeinsam reisen und überhaupt, sich stets gegenseitig unterstützen konnte.« Und das in jeder Lebenslage: »Wir haben uns nicht entmutigen lassen. Nicht von Kritik oder Rückschlägen, das hat uns eher angefeuert. Nicht von schlechtem Wetter, dann ging man halt mit Hut und Stockschirm raus!«
Für Renate Gruber ist das Kommen und Gehen im Hause Gruber ein stetes Vergnügen: »Ich wollte die Arbeit meines Mannes unterstützen und habe immer versucht, eine gute Gastgeberin zu sein. Ich koche gern und esse gern. Und dann sagte ich, wenn auswärtige Gäste nach Köln kamen, um meinen Mann zu besuchen oder zu interviewen – bring die mir mit nach Hause!« Legendär sind ihre Soirées aus Anlass des Geburtstages der Fotografie, alljährlich am 19. August. Für sie war und bleibt es »eine Ehre und Freude, all diese interessanten und liebenswerten Menschen kennenzulernen«. Mit vielen von ihnen steht sie noch heute in regelmäßigem Kontakt, man telefoniert, schreibt sich Briefe. Als Renate Gruber kürzlich von der katastrophalen Corona-Situation in New York erfährt, greift sie zum Hörer. Am anderen Ende: der Fotograf Duane Michals. »Nach dem Zweiten Weltkrieg freuten wir uns über die CARE-Pakete aus Amerika. Meine Mutter über die Kaffeebohnen, Zucker, Mehl und Perlonstrümpfe, wir elf Kinder über die Schokolade. Da habe ich zu Duane gesagt – ich schicke Dir jetzt ein CARE-Paket aus Köln, mit allen rheinischen Spezialitäten, auf die du Lust hast!«
»Nach dem Zweiten Weltkrieg freuten wir uns über die CARE-Pakete aus Amerika. Meine Mutter über die Kaffeebohnen, Zucker, Mehl und Perlonstrümpfe, wir elf Kinder über die Schokolade. Da habe ich zu Duane gesagt – ich schicke Dir jetzt ein CARE-Paket aus Köln, mit allen rheinischen Spezialitäten, auf die du Lust hast!«
Im Laufe der Jahrzehnte wächst mit den weltweiten Kontakten auch die Fotografie-Sammlung Gruber. 1975 erwirbt die Stadt Köln das erste Konvolut. Danach gehen bis heute und in Zukunft zahlreiche Abzüge als Schenkung an die Kölner Museen, darunter Aufnahmen wichtiger Fotografen wie Edward Steichen, Richard Avedon und Albert Renger-Patzsch. Sie bilden den Grundstock für die bedeutende Sammlung Fotografie des Museum Ludwig.
Doch nicht nur die Meisterwerke der Lichtbildnerei faszinieren das Paar – man flaniert von Herzen gern über Flohmärkte, und viele ungewöhnliche Stücke finden ihren Weg in die Salons des Hauses Gruber. Grünes Glas, Vasen und Schalen aus Frankreich und Italien haben es ihnen angetan. »Und in jeder Stadt, in der wir vorher noch nicht waren, schenkte mir mein Mann einen silbernen Mokkalöffel«, strahlt Renate Gruber, »manchmal bringen mir Freunde, die davon wissen, noch heute einen von ihren Reisen mit.« Und dann die Sache mit den Kopfbedeckungen. L. Fritz, »immer stilvoll gekleidet, in fein abgestimmten, aber doch gewagten Kombinationen. Mit seinem indischen Breitbart und eleganten Hüten war er eine für das Auge beglückende und für den Geist anregende Erscheinung«, schwärmt Renate Gruber. Aus Anlass seines 90. Geburtstages schenkt Gruber seine Hutsammlung dem MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln. »Ein Freund sagte zu Gruber: Das ist ja toll, dass du noch Hüte aus den 1920er-Jahren hast. Aber noch toller, dass die zugehörigen Kartons noch da sind.«
Selbst ein Schlaganfall kann Renate Grubers Begeisterung und Lebenslust nicht bremsen – die Fotografie ist und bleibt ihr Antrieb. Sie hält es mit der von ihr hochgeschätzten Bauhaus-Fotografin Lucia Moholy. Für die war ein Leben ohne Bilder undenkbar, denn Fotos »ziehen durch die Atmosphäre, ungesehen und ungehört, über Entfernungen von Tausenden Meilen. Sie sind in unserem Leben, so wie unser Leben in ihnen.« Renate Gruber verfolgt die aktuellen Entwicklungen in der Fotografie, blättert in Neuerscheinungen, informiert sich im Internet über die Arbeit junger Fotograf*innen. Im Juli dieses Jahres feiert sie ihren 84. Geburtstag – und hat sich noch einiges vorgenommen: »Heute habe ich mit meinem Physiotherapeuten an der Ballettstange drei Schritte gemacht, einen vor, zwei vor, einen zurück. Es war wunderbar. Und mein Therapeut meinte – wenn es so weiter geht, werde ich zu Weihnachten wieder laufen können. Nur in welchem Jahr, das hat er mir nicht gesagt.«