Mack etwa entdeckte ein neues Medium, als er versehentlich auf ein Stückchen Alufolie trat und diesem dabei die Struktur des Sisalteppichs einprägte. »Spiegel blank poliert, genügt ein geringes Relief, um die Ruhe des Lichtes zu erschüttern und in Vibration zu bringen«, so erkannte er. Reflexionen, wie sie die Impressionisten einst auf die Leinwand bannten, werden nun real und höchst lebendig – ganz besonders wenn die spiegeln den Strukturen mit einem Motor ins Rotieren gebracht werden.
Piene ließ die Leinwand brennen und gestaltete so Feuerbilder. Energie brachte er ebenfalls ins Spiel, indem er das Licht im Raum zum Tanzen brachte. Zunächst benutzte der Künstler dafür Taschenlampen und perforierte Papptafeln, später arbeitete er mit elektrisch betriebenen Lichtmaschinen. Eines seiner sensationellen »Lichtballette« inszenierte Piene 1960 im Dachatelier der Fluxus-Künstlerin Mary Bauermeister, wo sich seinerzeit die Avantgarde tummelte. Auch der junge, ursprünglich als Musiker aktive Koreaner Nam June Paik ging ein und aus in der Kölner Lintgasse 28 und erinnerte sich noch Jahrzehnte später an Pienes spektakuläre »Lightshow«: »I was so begeistert ...«
Von Pinsel und Farbe hatte Paik sich damals längst verabschiedet. Und entdeckte schon bald den Fernseher als neue Energiequelle, die er für seine Kunst anzapfen konnte. In seiner Atelier-Garage in Bensberg nahe Köln richtete der Künstler die Apparate reihenweise her für seinen großen Auftritt 1963 in der Wuppertaler Galerie Parnass, die Rolf Jährling, Architekt und Förderer der rheinischen Avantgarde, im eigenen Wohnhaus betrieb. Alle Etagen – auch die privaten Räume der Familie – besetzte Paik mit seinen Klang-, Ton- und TV-Gerätschaften. Heftig manipuliert, gaben sie nur noch verzerrte Bilder, Raster oder Striche wieder. »Exposition of Music – Electronic Television« hieß diese erste Einzelausstellung Paiks, und sie hat Kunstgeschichte geschrieben. Als Gesamtkunstwerk, als Ausstellung, die den Betrachter aktiviert. Und als »Geburtsstunde der Medienkunst«.
Doch auch wenn dieses Mammut-Medien-Kunstwerk einmal im Depot pausiert, bleiben die Steckdosen im Museum am Rhein gut belegt. Dafür sorgen Paiks multimedial aktive Nachfahr*innen, deren Ausdrucksmöglichkeiten sich mit dem technischen Fortschritt ständig erweitern. Etwa 20 Monitore oder Projektionen laufen in der aktuellen Dauerausstellung des Hauses. Bis unter die Kellertreppe sieht man es hier flimmern. Und hört dazu beim Nähertreten ein leises Atmen und Pfeifen. Es rührt her von grünen Wesen, die munter über sechs Bildschirme turnen. Das sieht lustig aus. Nur wer weiß, dass Ayse Erkmens fröhliche Figuren die Formen besonders hinterhältiger Antipersonenminen zitieren, erkennt die politische Sprengkraft der scheinbar harmlosen Computeranimation.
Krieg, Elend, Gewalt zu überwinden – das hatten sich die »ZERO«-Künstler vorgenommen, als sie Ende der 1950er-Jahre zum energiegeladenen Neustart ansetzten. Ihr Ziel, die Welt ein bisschen heller zu machen, zieht weiterhin. Ein schönes Beispiel dafür gab in jüngerer Zeit der 1967 in Dänemark geborene, auf Island aufgewachsene, in Kopenhagen und Berlin lebende Forscher-Künstler Olafur Eliasson mit seinem multiplen Lichtkunstwerk namens »Little Sun«. Die kleine, mit Solarenergie betriebene Lampe soll leuchten bis in die ärmsten Regionen Afrikas, die noch ohne elektrische Energie auskommen müssen.
In den folgenden Jahrzehnten wird der Energiebedarf des Paik’schen Œuvres ständig steigen. Zu Buche schlagen etwa raumgreifende Videoinstallationen wie der 1977 geschaffene »TV Garden«, wo sich zwischen tropischem Gewächs rund 30 flimmernde Monitore verstecken. Oder noch stärker: Paiks »Brandenburger Tor« von 1992, das sich heute in der Sammlung des Museum Ludwig befindet. 185 Monitore verbaute der Künstler in seiner Version des symbolträchtigen Denkmals.