Lange galt Natur in der Malerei eher als schmückendes Beiwerk. Erst im 17. Jahrhundert behauptet sich die Landschaftsmalerei als eigenständiges Bildthema. Der Blick auf die Welt änderte sich da gerade grundlegend – weg vom unerschütterlichen Glauben an die göttliche Fügung, hin zum Einfluss wissenschaftlicher Erkenntnisse. So schauen die Maler des »Goldenen Zeitalters« in den Niederlanden ganz genau hin – heute lassen sich aus ihren Werken anhand einzelner Wolkenformationen konkrete Wetterlagen herauslesen. 1836 erhob der Engländer John Constable, berühmt für seine dramatischen Himmels- und Wolkenstudien, die Landschaftsmalerei gar zur Wissenschaft, die zur Erforschung der Naturgesetze betrieben werden solle.
»Klimaveränderungen und Wetterextreme gab es schon immer, entscheidend ist aber, dass sich unser Klima derzeit rasanter ändert als in Tausenden von Jahren zuvor.«
Sven Plöger vertieft sich in ein Werk von Jacob van Ruisdael (1628 – 1682), den »Wasserfall bei einer Kirche«. Den Künstler interessierte vor allem die Wucht des Elementes, das Nass stürzt brausend in die Tiefe. Aber auch das Darüber ist aussagekräftig: »Wenn man den Himmel hier betrachtet«, so Plöger, für viele ist der studierte Meteorologe das bekannteste Wettergesicht vor der Tagesschau im Ersten, »verraten die Wolken schon einiges, hier sind sie in Auflösung begriffen. Da sind erste Lücken, vermutlich sah das tags zuvor ganz anders aus. Da könnte ein heftiger Sturm durch die Gegend gefegt sein.« Einzelne Baumstämme in den reißenden Fluten stützen diese These. Tatsächlich hatten Klima- und Wetterereignisse Einfluss auf die Landschaftsdarstellungen in der Kunst. So 1816, im »Jahr ohne Sommer«. Im April 1815 war der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen, Massen von Staubpartikeln aus der glühenden Lava veränderten rund um den Globus die Beschaffenheit der Atmosphäre: Die Folgen lassen sich zum Beispiel in den Gemälden von William Turner und Caspar David Friedrich erkennen, ihre Darstellungen des Abendhimmels glühen mit einem Mal im sattesten Orangerot. Forscher sind sich sicher: In den Museen der Welt hängen Zeitzeugen eines Klimawandels.
»Das Problem ist, jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir nicht mehr alle Zeit der Welt für einen groß angelegten Diskurs haben. Die Natur sitzt am längeren Hebel und gibt den Zeitraum vor, in dem wir angesichts der Herausforderungen handeln müssen.«
Sven Plöger: »Klimaveränderungen und Wetterextreme gab es schon immer, entscheidend ist aber, dass sich unser Klima derzeit rasanter ändert als in Tausenden von Jahren zuvor.« Als Wissenschaftler und Buchautor ist Plöger deutschlandweit unterwegs und hält Vorträge. Nicht missionarisch, nicht als Weltenretter, wie er betont: »Ich versuche vielmehr, die komplexen Zusammenhänge zu erklären. Wie zum Beispiel das Abschmelzen des arktischen Eises bei uns zu mehr Starkregen, aber auch zu längeren Trockenphasen führt.« Oft werde er gefragt, wie viele Minuten es noch bis zwölf seien, um das Schlimmste zu verhindern. »Keine Ahnung«, sagt er dann, »das Wichtigste ist: Es ist VOR zwölf. Und wir haben noch die Chance, die Entwicklung in den Griff zu bekommen.« Es könne nicht sein, dass wir weiter rumlavierten und nichts Einschneidendes geschehe: »Wir wissen jetzt seit vier Jahrzehnten, was uns blüht. In den 1980er-Jahren gab es die ersten Warnungen der Wissenschaft vor einer drohenden Klimakatastrophe, 1992 eine gewisse Aufbruchsstimmung nach der ersten großen Klimakonferenz in Rio. Aber: Von damals bis heute hat der CO - 2 Ausstoß um 67 Prozent – Achtung! – zugenommen! Das ist nun wirklich nicht das, was wir wollten.
Erneuerbare Energien haben immer noch nicht den Stellenwert, den sie in puncto Energiewende haben müssten.« Vieles von dem, was vor 40 Jahren vorausgesagt wurde, ist längst eingetreten. »Wir haben es als Gesellschaft nicht geschafft, vom Reden zum Handeln zu kommen. Das Problem ist«, sagt Sven Plöger, »jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir nicht mehr alle Zeit der Welt für einen groß angelegten Diskurs haben. Die Natur sitzt am längeren Hebel und gibt den Zeitraum vor, in dem wir angesichts der Herausforderungen handeln müssen. Wenn auch viele Stimmen, gerade die aus der Populistenecke, das Gegenteil behaupten: Tatsache ist – die Menschheit und der Klimawandel haben definitiv miteinander zu tun. Das ist physikalisch nachweisbar, und da sind sich 99 Prozent der Wissenschaftler einig. Über Physik zu debattieren, ist komplett sinnfrei, denn sie findet einfach statt. Und unsere Aufgabe ist, sie zu verstehen. Tun wir das nicht, können wir nicht vernünftig handeln.«
Große Hoffnungen setzt der Klimaexperte in die »Fridays for Future«: »Wenn es gelingt, aus dem Thema eine generationsübergreifende Bewegung zu machen, ist das doch hervorragend.« Und wie hält er es mit Greta Thunberg, die als Klimaaktivistin auch schon mal polarisiert? »Der Klimawandel braucht seine Ikonen und Personen, mit denen sich die engagierten Jugendlichen identifizieren können. Auch zentrale Botschaften, wie sie der Astronaut Alexander Gerst unter die Leute bringt, wenn er aus dem All auf unsere Erde blickt. Und über die Erkenntnis: ›Dieser Planet braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn‹ muss sich ein dringend notwendiger Respekt gegenüber der Natur entwickeln.«
»Über die Erkenntnis: ›Dieser Planet braucht uns nicht, aber wir brauchen ihn‹ muss sich ein dringend notwendiger Respekt gegenüber der Natur entwickeln.«
Überhaupt sieht Plöger die Schulen in der Pflicht: »Klimawandel sollte ein eigenständiges Unterrichtsfach werden.« Auch die Museen könnten entscheidende Beiträge leisten: »Ein wichtiger Punkt ist, die Menschen nicht nur mit wissenschaftlichen Fakten zu überzeugen, sondern auch emotional zu packen. Nehmen wir hier das Wallraf, die Darstellungen von Landschaften, von Himmel und Wolken, das begeistert doch schon seit Jahrhunderten. All das, was uns gegeben oder – religiös ausgedrückt – geschenkt ist.« Die Museen haben für ihn in der Vermittlung der Klimaproblematik einen besonderen Stellenwert. »Sie können das Thema unaufgeregt, im Sinne von nicht ideologisch, angehen. Und es betrifft ausnahmslos alle Museumsbesucher*innen.« Den Vorstoß renommierter Museen, darunter auch des Museum Ludwig in Köln, eine Art Taskforce in Sachen Klimawandel zu fordern, sieht Sven Plöger positiv. »Entscheidend ist, dass sich öffentliche Einrichtungen wie eben auch Museen in diesem Punkt klar positionieren. Ich kann nur noch mal betonen: Die Uhr tickt, wir brauchen dringend politische Maßnahmen, die in diesem engen Zeitrahmen machbar sind. Und ganz klar, auch wir, jede und jeder Einzelne von uns, sind gefordert, mit- und umzudenken und entsprechend zu handeln. Was wir gerade erleben, ist ein Asteroideneinschlag in Zeitlupe. Das kann man nicht so einfach wegdiskutieren.«
Der Rundgang durchs Wallraf-Richartz-Museum ist noch nicht beendet. Sven Plöger lebt in Ulm, da kommt man nicht alle Tage in die Kölner Museen. Ein Bild will er jetzt noch unbedingt sehen: Stefan Lochners »Weltgericht« aus der Zeit um 1435. Engel und Posaunen künden vom Ende aller Zeiten. Und der Gottessohn richtet über Gut und Böse. Plöger ist beeindruckt, aber auch bestürzt: »Wie man unschwer erkennt: Da ist es eindeutig fünf NACH zwölf.«