Auf gute Nachbarschaft

Das indische Viertel in Köln

Die Rückseite ist mit bunt gemustertem Papier beklebt. Die an den einzelnen Tafeln angebrachten Schnüre und Kordeln dienen vermutlich zum Transport und machen deutlich, dass dies keine Objekte sind, die für die Präsentation im Museum hergestellt wurden. Der Durga-Altar im Ausstellungsbereich »Vielfalt des Glaubens« im dritten Stock des Rautenstrauch-Joest-Museums zeigt anschaulich, dass die präsentierten Objekte aus der rund 70000 Artefakte umfassenden Sammlung immer auch eine Verbindung zur Außenwelt aufweisen. Gefertigt wurde das Ensemble in Ostindien, genutzt hat man es in Köln-Chorweiler. Dort wurde es vom Indischen Kulturverein Bharat Samiti im Bezirksrathaus aufgestellt – während der sogenannten Durga Puja, eines zehntägigen Festes zu Ehren der Göttin Durga. Als ein neuer Altar angeschafft wurde, stiftete man den bisherigen dem Museum.

Die Vorderseite zeigt die vielarmige Göttin Durga, deren Name »Die schwer zu Begreifende« bedeutet. Ihr siegreicher Kampf symbolisiert den Triumph des Guten über das Böse. In ihrer ganzen Pracht steht sie auf einem Löwen nach dem Sieg über den Büffeldämon, dessen abgeschlagener Kopf vor ihr auf dem Boden liegt. Flankiert wird sie von vier weiteren Gottheiten in reich verzierten Bögen, mit fein bemalten Gesichtern, aufwendigen Frisuren und Gewändern. Lakshmi etwa, eine der beliebtesten Göttinnen des hinduistischen Pantheons. Mit den beiden Lotosblumen in ihren Händen personifiziert sie Liebe, Fruchtbarkeit und Wohlstand, Gesundheit und Schönheit. Der Podest des Altars ist mit orangefarbenen Blumen aus Papier geschmückt, und tritt man zu nah an die Figuren heran, bittet eine Stimme vom Band um gebührenden Abstand. Es scheint also genügend Menschen zu geben, die Durga oder Lakshmi, Sarasvati, Ganesha und Karttikeya nahe sein wollen – vielleicht, um besser sehen zu können, vielleicht aber auch aus religiöser Verehrung. Denn der Altar ist ein Indiz für eine lebendige indische Community in Köln. Er verdeutlicht den Anspruch des Museums, die herkömmliche Trennung in Fremd und Vertraut, in das Andere und das Eigene, aufzuheben und sich bewusst als Ort für Begegnung und Austausch in einer zunehmend vernetzten Welt zu positionieren.

Indische Bekleidung, Modeschmuck, Meditations- und Geschenkartikel: Das Sortiment von Muthreja Kishors »Indian Center« ist bunt und breit gefächert.

Indische Bekleidung, Modeschmuck, Meditations- und Geschenkartikel: Das Sortiment von Muthreja Kishors »Indian Center« ist bunt und breit gefächert. Foto: Nina Gschlößl

Vor dem Museum rattern die Straßenbahnen, Autos kurven in Richtung Rudolfplatz, Radfahrer*innen pendeln Richtung Rhein. Der Neumarkt scheint weit entfernt von der Welt im Museum. Eine Gruppe von Schüler*innen kommt aus der benachbarten Zentralbibliothek, und ein Mann mit Hund genießt die Sonne hinter dem Studienhaus der Volkshochschule. »Mir all sin Minsche«, zitiert eine große Fahne aus einem Text, bekannt aus dem gleichnamigen Lied von Brings. »Köln & RJM sind BUNT. Sei bunt mit UNS«, steht darunter.

Geht man mit offenen Augen durch die angrenzenden Straßen, durch Fleischmenger-, Lungen- und Thieboldsgasse, fällt auf, dass ein Teil der Menschen, die hier leben, arbeiten und einkaufen, etwas gemeinsam zu haben scheinen. Ein knappes Dutzend Geschäfte gibt es hier, die man im weitesten Sinn als »indisch« bezeichnen könnte. Die meisten von ihnen verkaufen Telefonkarten, Musikinstrumente, Lebensmittel, Bekleidung, Kosmetik und Geschenkartikel. Die Produktpalette unterscheidet sich auf den ersten Blick kaum. Aber es geht gar nicht darum, eine umsatzstarke ökonomische Nische zu finden. Es geht um Gemeinschaft. Die Geschäfte sind weit mehr als Einkaufsmöglichkeiten. Sie sind Orte der Kommunikation, Kristallisationspunkte von Identität, ein Stück Heimat und Anker im Alltag. Sie heißen »Asien Bazar« oder »Indian Center«, erinnern mit Bezeichnungen wie »Shalimar Store« an nordindische Gartenanlagen aus dem 16. Jahr hundert oder schlagen mit »Om Ganesha« den Bogen zu den Göttern im dritten Stock des Museums um die Ecke. Die indischen, afghanischen oder afrikanischen Kund*innen sind dabei nicht nur ein Indiz für die Migrationsdynamik der Gegenwart, sondern sind auch Zeugen von historischen Entwicklungen.

»Afro American cosmetic for body and hair« steht auf dem Schild über dem Eingang des »Prince Beauty Shop«, der eine große Auswahl an Perücken aus Kunststoff und Echthaar führt. Knapp 1,5 Millionen Inder*innen wurden ab den 1830er-Jahren und bis 1917 in britische, französische und niederländische Kolonien gebracht, um dort als billige Arbeitskräfte versklavte Menschen zu ersetzen. In das heutige Malaysia etwa, nach Uganda oder nach Jamaika, um nur einige Zielorte zu nennen. Ihre Geschichte spiegelt sich etwa in der Aufschrift »Asiatische, Afrikanische, Karibische Lebensmittel« auf der Eingangstür des Ladens »Tropical Foods« mitten in der Kölner Innenstadt. Der Name ist Programm, vor dem Laden stehen Kisten mit indischen Stachelbeeren und Holzapfel aus Sri Lanka, chinesischem Ingwer und Kochbananen aus Ecuador. An diesem und anderen Schaufenstern finden sich zusammenkopierte Fotoübersichten, auf denen das in Kartons befindliche Obst und Gemüse – etwa Okra, Karela und Bullet Chili – erläutert wird. Und auch die Stichworte »Yoga-Produkte« und »Meditationsartikel« lassen vermuten, dass Menschen ohne direkten Indienbezug ebenso längst zu den Kunden gehören.

Um die Mittagszeit ist es voll im Gastraum, nahezu alle Plätze sind belegt. Berufstätige sitzen an den Tischen mit den blau-weiß karierten Wachsdecken und verbringen hier ihre Mittagspause, Tourist*innen kramen in praktischen Rucksäcken. Es wird vor allem Deutsch gesprochen. Der Besitzer, ein älterer Herr, pendelt geschäftig zwischen Küche und Gästen, bringt die Getränke und stellt kleine Töpfe mit hausgemachtem Sambar, Würzpasten auf Basis von Chili und frischer Kokosnuss, auf den Tisch. Im Hintergrund läuft im Fernseher leise ein Best-of von Bollywood-Filmen. In der Küche stellt seine Frau die Bestellungen auf praktischen Tabletts aus Edelstahl zusammen. Es gibt Pakoras und Samosas, Lamm, Huhn, Fisch oder Gemüse in diversen Currys, zu jedem Gericht außerdem Reis, Papadam und Naan-Brot. Die Gäste trinken salziges Namkeen- oder ein süßes Mango-Lassi. »Sri-Lankische und Indische Spezialitäten« steht auf der Speisekarte des Restaurants »Anna Lakshmi«. Golden thront die vierarmige Göttin in einer pinkfarbenen Lotosblume, und in der Hand hält sie ebenso dieses Attribut, an dem man sie auch im benachbarten Museum erkennen kann.

Aber so einfach ist das mit der Zuordnung dann doch nicht. Auf einem Sims entlang der Wand des Restaurants finden sich neben weiteren Darstellungen hinduistischer Gottheiten mehrere Buddha-Figuren, eine Statue des heiligen Franziskus und ein kleines Bildchen von Mutter Teresa. Die spirituelle Versammlung ist mit einer Lichterkette dekoriert und so vielseitig wie Südasien selbst, denn das Veedel am Neumarkt ist ja nicht nur Indien, es ist auch Pakistan, Bangladesh, Sri Lanka. Es ist afghanisch, afrikanisch, karibisch und auch deutsch, hinduistisch, sikh, muslimisch oder christlich. Die Vielfalt aus dem Museumsparcours wird hier greifbar – Minsche eben.

Das Rautenstrauch-Joest-Museum — Kulturen der Welt präsentiert eine hochkarätige Auswahl aus den insgesamt 70000 Objekten und über 100000 historischen Fotografien seiner Sammlung aus Ozeanien, Afrika, Asien, Amerika und Europa. Es ist das einzige ethnologische Museum seiner Art in ganz Nordrhein-Westfalen.

Text: Johannes Arens

Fotos: Nina Gschlößl