Nicht nur reiche Patrizier*innen, auch manche Handwerker hängten sich ihre Stube voll mit Kunstwerken – manche aus Leidenschaft, manche als Statussymbol und manche, um ein gutes Geschäft zu machen. Dass auch heute noch so viele Gemälde des Goldenen Zeitalters erhalten sind, ist der schieren Lust am Bild geschuldet – in dem Jahr hundert Rembrandts entstanden in den Niederlanden mehrere Millionen Gemälde.
Und wie sah es zu dieser Zeit in Deutschland aus? Von Einheit war man weit entfernt: Grenzen zogen sich kreuz und quer durch das Land, Grenzen der Herrschaft ebenso wie der Konfession, und der Flickenteppich an Interessen sorgte stets für wechselnde Bündnisse und Feindschaften. Der Krieg schweißte hier niemanden mehr zusammen, sondern ganz Deutschland war praktisch ein einziges Schlachtfeld des Dreißigjährigen Krieges geworden, auf dem europäische Großmächte ihre Interessen durchsetzten. Nur wenige Orte wie die Stadt Köln entkamen weitestgehend dem Schrecken und der Zerstörung. Zwar entstanden auch in Zeiten des Kriegs Kunstwerke in Deutschland, aber mit den Niederlanden, ihrer überlegenen Wirtschaftskraft und politischen Stabilität, konnte kein Teil Deutschlands mithalten – die wenigen Inseln des Friedens lagen hier weit auseinander und boten keinen vergleichbaren Wohlstand.
Grenzenloses Lernen
Was kann man tun, wenn es zu Hause schlechter als im Nachbarland aussieht? Man macht sich auf und lernt, was der Nachbar besser macht. Mobilität war selbstverständlich, und so zog es viele deutsche Künstler in die Niederlande, um zu studieren und selbst erfolgreich zu werden. Ludolf Bakhuizen zum Beispiel, der in Emden aufgewachsen war und nach Amsterdam ging, um einer der bedeutendsten Marinemaler zu werden, ein Thema, das noch heute als typisch niederländisch gilt. Oder Joachim Sandrart, der nicht nur malte, sondern 1675 die erste umfassende deutschsprachige Sammlung von Künstlerbiografien veröffentlichte, die »Teutsche Academie«. Oder Christopher Paudiss, der »bayerische Rembrandt«, einer von vielen, die es nach Amsterdam zog. Was war es, das ausgerechnet Rembrandts Kunst so anziehend machte?
Ein Sinn für das Dramatische lag ihm im Blut: Geschichten wusste er geschickt durch Licht und Schatten zu erzählen. Seine Bildnisse waren psychologisch einfühlsam und einfallsreich zugleich, sei es mit ausgefallenen Kostümen oder besonderen Posen, und das schloss auch Selbstporträts ein – kein Künstler vor ihm inszenierte sich so oft selbst. Sein Stil entwickelte sich: Einen feinen Stil gab er zusehends auf zugunsten einer groben Malweise, die die Einbildungskraft des Publikums stimulierte. Schließlich war er ein Meister vieler Medien und wusste mit dem Pinsel ebenso zu brillieren wie mit der Radiernadel.
Wie so oft blieb Inspiration keine Einbahnstraße, sondern auch niederländische Künstler suchten Anregungen in ihrem Nachbarland. Rembrandt verkleidete seine Ehefrau Saskia in ihrem berühmtesten Porträt mit einem Kleid, das an die Epoche Cranachs und das 16. Jahrhundert erinnerte, das Goldene Zeitalter deutscher Malerei. Die Rheinromantik mit Burgen über lieblich verblauender Flussschleife hatte Herman Saftleven erfolgreich vermarktet. Und wer heute Jacob van Ruisdaels Darstellung von Schloss Bentheim ansieht, das sich über einer urwüchsigen Felslandschaft majestätisch thronend in den Himmel hebt, der fühlt sich an das liebenswürdige Klischee erinnert, dass jedem Niederländer ein deutscher Hügel von hundert Meter Höhe schon als bewundernswürdiges Gebirge vorkommt.
Haben wollen
Was der Nachbar hat, kann neidisch machen. Nur ein paar Jahrzehnte nach Rembrandts Tod waren es die Reichen und Mächtigen der Nachbarländer, die die Gemälde des Goldenen Zeitalters selbst besitzen wollten. Die Niederländer der Folgejahrhunderte waren nicht weniger geschäftstüchtig als ihre Vorfahren, und bei der schieren Überfülle an Gemälden aus dieser Epoche ließ sich viel gutes Geld verdienen – der Kunstmarkt blühte auf, und ganze Galerien wanderten nach Frankreich, England und insbesondere nach Deutschland, in die Sammlungen deutscher Fürsten und Händler in Kassel, Schwerin, Karlsruhe, Dresden, Frankfurt, Berlin, Hamburg, auch nach Köln. Gerade weil in dem lange zersplitterten Deutschland so viele verschiedene Machthaber um Prestige konkurrierten, finden sich heute zahlreiche kleine und große Sammlungen in ganz Deutschland. Erst jetzt, als sich Nationen im modernen Sinn bildeten, wurde Rembrandt zu einem Nationalkünstler stilisiert, und der Wettbewerb darum, wer die meisten Gemälde des Goldenen Zeitalters besaß, wurde zum Gezänk. Die Niederländer stellten verblüfft fest, dass es überall in der Welt mehr niederländische Malerei zu geben schien als bei ihnen zu Hause – Museen wie das Rijksmuseum in Amsterdam schufen Abhilfe, und manche Gemälde, die schon lange die Niederlande verlassen hatten, wurden wieder zurückgekauft.
Heute lassen sich die Kunst und das Zeitalter Rembrandts an vielen Orten und in vielen Museen erleben, in Dauerausstellungen ebenso wie in Sonderausstellungen – in immer neuer Konkurrenz und dadurch in immer neuen Facetten. Eines aber ist gleich geblieben und vereint die Nachbarn Niederlande und Deutschland heute ebenso wie vor drei Jahrhunderten: die Gewissheit, dass die Kunst des Goldenen Zeitalters zu dem Besten gehört, was europäisches Kunstschaffen hervorgebracht hat.
Das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud, Kölns ältestes Museum, führt die Besucher*innen durch 700 Jahre europäischer Kunstgeschichte vom Mittelalter bis zu den Anfängen der klassischen Moderne. Die Sammlung glänzt mit großen Namen – von Dürer, Rubens, Rembrandt, van Gogh und Munch bis zu Cézanne, Renoir und Monet.