Auf dem Lageplan des Ausstellungsgeländes macht Mario Kramp, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, bei seinen Recherchen zu Paris 1937 eine merkwürdige Entdeckung: Dort ist – im Schatten des Speer-Kolosses, direkt am Ufer der Seine – ein »Pavillon de Cologne« verzeichnet. Auf den wenig später entdeckten Fotografien scheint das ominöse Gebäude wie ein radikaler Gegenentwurf zum Deutschen Haus: offen, luftig, mit Sonnenterrasse und Markisen in Rot-Weiß. Kein Zufall – tatsächlich ist Köln die einzige Stadt weltweit, die auf der Pariser Weltausstellung zur »Kunst und Technik im modernen Leben« mit einem eigenen Pavillon vertreten ist. »Das war wohl«, so Kramp, »dem Klüngel und auch der traditionell guten Nachbarschaft zwischen Frankreich und Köln als grenznaher Metropole zu verdanken.«
Juni 1937. In der Kölner Fotowerkstätte Schmölz stehen Koffer, Plattenkamera und Stative reisebereit – Hugo Schmölz, ein für seine anspruchsvollen Architekturaufnahmen gerühmter Kölner Fotograf, macht sich mit seinem Sprössling Karl Hugo auf den Weg nach Paris. Dort wollen sie im Kundenauftrag das Großereignis Weltausstellung dokumentieren. Pavillons – mit Schwerpunkt auf dem deutschen, Präsentationen, überhaupt: die atemberaubende Inszenierung globaler Nachbarschaft. Karl Hugo resümierte später: »Die Zeit in Paris war besser als die Fotos.« Rolf Sachsse, ehemaliger Mitarbeiter von Schmölz, erinnert sich: »Aufträge wie diese kamen für Schmölz wie gerufen, Vater und Sohn waren Weltmeister im Verschwinden. Hauptsache, weit weg – von Köln. Und von Hugos Gattin Theresia, die als Chefin der Fotowerkstätte ein strenges Regiment führte.«
Als Karl Hugo Schmölz im September ein zweites Mal Richtung Paris aufbricht, fährt er allein. Vater Hugo war in der Zwischenzeit an Magenkrebs erkrankt. Für den 19-Jährigen wird die Seine-Metropole zur Offenbarung. Er kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus – das Flair der Stadt, ihre faszinierenden Bauten, Notre-Dame, der Eiffelturm. Und dann noch diese gigantische »Exposition Internationale«. Mario Kramp: »Ein Panorama der Welt! Man muss sich das mal vorstellen, da kommt ein Fotograf aus Köln, gerade mal 19, das muss ein prägendes Aha-Erlebnis gewesen sein.«
Inzwischen ist nach rekordverdächtiger Bauzeit von sechs Wochen der Kölner Pavillon fertiggestellt. Als Aushängeschild der Stadt lockt er mit Highlights aus den Sammlungen der Kölner Museen und rheinischem Frohsinn: Karnevalsschlagern, Funkenmariechen und dem 270 Stimmen starken Kölner Männer-Gesang-Verein, der von einem Schiff auf der Seine aus deutsches Liedgut schmettert. Schmölz widmet sich währenddessen mit beim Vater abgeschauter Akribie der Architektur, aber auch den Wünschen seiner Auftraggeber aus der Kölner Wirtschaft – darunter Farina, 4711, Haus Neuerburg, Köln-Düsseldorfer Rheinschifffahrts GmbH, deren Schauvitrinen er auf der Terrasse des Kölner Hauses ins rechte Licht setzt. »Und abends wird das Tagwerk vor Ort entwickelt«, so Rolf Sachsse, »die Bidets der Pariser Hotels sind für die Wässerung der entwickelten Filme und Fotos bei den Fotografen aller Herren Länder hochgeschätzt.«
Seine Fotos der Weltausstellung markieren für Schmölz junior den zweifelhaften Beginn einer großen Karriere. Der junge Kölner Fotograf wird von Albert Speer persönlich protegiert, wenn »der Herr Schmölz mal Zeit hat und das Wetter gut ist, dann wäre er dankbar für ein paar Aufnahmen«. Neben der Reichskanzlei fotografiert er das Modell der von Hitler und Speer ge planten Reichshauptstadt Germania. Dass er sich damit zum Rädchen in der menschenverachtenden, zu jener Zeit bereits den Weltkrieg vorbereitenden Nazi-Maschinerie machte, ist für Schmölz später schwer erträglich. Er erklärt es mit seiner jugendlichen Begeisterung für gigantische Architekturen, politisch sei er nie gewesen. So verschwinden die Aufnahmen aus der Pariser Zeit für lange Zeit im Archiv...