Nicht erst seit der Hymne der Bläck Fööss von 1973 »En unserem Veedel« gehen Melancholie und Veedel in Köln eine untrennbare Verbindung ein. Willi Ostermann besang vor über 70 Jahren die gute alte Zeit in den Kölner Stadtquartieren. 2001 war es die Kölschrockband Brings, die sich an die »superjeile Zick« erinnerte. Für Björn Heuser, den Kölner Liedermacher, der allwöchentlich Hunderte bei seinen Mitsingkonzerten begeistert, steht fest: »Dieses besungene Früher gab es nie.« Heuser, in Ehrenfeld aufgewachsen, lebt heute in Bickendorf. An die Veedelsidee glaubt er trotzdem: »Veedel passt zu Bickendorf. Denn Veedel heißt für mich: Man kennt sich, man fühlt sich zu Hause.«
»Veedel passt zu Bickendorf. Denn Veedel heißt für mich: Man kennt sich, man fühlt sich zu Hause.«
»Das ist typisch für Köln«, sagt der Kölner Fotograf Boris Becker. Er ist in Köln geboren und aufgewachsen. Er lebt und arbeitet bis heute hier. Zollstock und Nippes sind seine Veedel. Benutzen würde er die Bezeichnung allerdings selbst nicht: »Veedel ist vielleicht auch ein etwas überholter Begriff.« Vor allem für die rechtsrheinischen Vororte. Auf die Südstadt passe der Ausdruck schon eher. »Die verschiedenen Communitys treffen sich in der Kernzeit des Karnevals. Da wird dann geschunkelt, und fertig ist es. Das ist dann das Veedel für eine kurze Zeit.« Es sind die urbanen Subzentren, die von den Kölner *innen bis heute als Veedel bezeichnet werden. Ihren Ursprung haben die Kölner Veedel in den ehemaligen verschiedenartigen Kölner Sondergemeinden, den alten Pfarrgemeinden der Altstadt, aber auch der Rheinvorstadt, den alten Gerichtsbezirken sowie den mittelalterlichen Vororten. Köln war nie eine Residenzstadt, blieb in seiner Topografie weitestgehend dem mittelalterlichen Straßenbild treu. »Köln ist trotz seiner Größe immer sehr kleinteilig gewesen«, bemerkt Boris Becker. »Es gibt nicht diese Prachtalleen, nie einen großen Entwurf. Es waren immer nur Fragmente, die dann Veedel geworden sind. Und da hat man gesagt: Wenn es nun schon mal so ist, dann machen wir es halt zu unserem Ding und singen drüber.« Der Fotograf steht in seinem Atelier in Zollstock. Ein Nordlicht, das auch in Berlin gelebt hat: »In Steglitz würde kein Mensch auf die Idee kommen, das Veedel zu besingen.«
Im Kölnischen Stadtmuseum beschäftigt man sich regelmäßig mit den Kölner Veedeln, der Topografie der Stadt. Die kleinräumige Entwicklung einzelner Stadtteile und ihre Kulturgeschichte werden etwa in der Ausstellungsreihe »Drunter und drüber« dargestellt – in Kooperation mit dem Römisch-Germanischen Museum. Der Eigelstein, der Waidmarkt und der Heumarkt wurden auf diese Weise in den 2000 Jahre weitreichenden Blick genommen – und das Museum durch Plakate und Führungen in die Veedel gebracht. Zudem beschäftigt sich die Abteilung für Kölnisches Brauchtum vor allem mit den »weichen Standortfaktoren« der Stadt, den lebendigen Traditionen der einzelnen Veedel.
»Veedel gibt es in jeder Stadt. Jede Stadt hat ihre verschiedenen Stadtviertel. Das ergibt sich schon aus ihren Bewohner*innen. In Köln ist das nur populärer, weil die Kölner*innen es immer besingen. Das sollte man nicht zu sehr durch die rot-weiße Brille sehen.« Björn Heuser hat 30 Jahre in Ehrenfeld gelebt: »Das war eine Arbeiterstraße, heute stehen da Geländewagen.« Den permanenten Wandel seiner Nachbarschaft beobachtet auch Boris Becker: »Das Leben wird sich irgendwann verlagern, nach Kalk, nach Humboldt-Gremberg. Auf einmal entsteht da neuer sozialer Humus, der ganz anders definiert ist. Man trifft sich am Büdchen und nicht in der Kneipe. Oder am Brüsseler Platz.«
Entscheidend sind die Menschen und Begegnungen vor der eigenen Haustür, Gespräche über den Gartenzaun. »Im Haus kommunizieren wir über WhatsApp, ob wir ein Bier trinken. Und dann trifft man sich doch in der Kneipe auf der Ecke.« Boris Becker, der in seinen Arbeiten die Architektur und nicht die Menschen in den Fokus nimmt, hat auch eine Zeit lang in Italien gelebt. »Da gab es das noch, dass die Leute sich schnell auf einen Kaffee getroffen haben. Das ist heute weniger geworden.«
Björn Heuser guckt auf die verregnete Straße in Bickendorf: »Das muss man fühlen. Wo Emotionen stattfinden, muss der Mensch vor Ort sein.« Die Kneipe, die kleinen Geschäfte vor der Haustür. Man kennt seine Nachbar*innen, weiß, wer welches Auto fährt. Und klingelt, wenn jemand falsch geparkt hat. »Die Begegnungen und die Menschen, mit denen man es zu tun hat, das ist die Seele des Veedels. Das sind nicht Sehenswürdigkeiten oder Häuser oder materielle Dinge, sondern das ist die emotionale Ebene.«
Den Wandel ihrer Nachbarschaft haben Boris Becker und Björn Heuser miterlebt, beide aus entgegengesetzter Perspektive. Bei Heuser war es der Wandel vom Arbeiterviertel Ehrenfeld zum angesagten Wohnquartier urbaner Kosmopoliten: »Man sieht, dass sich eine neue Community in der Straße entwickelt hat. Veedel müssen sich weiter entwickeln, sonst bleiben sie irgendwann stehen.« Becker gehörte in den 1980er-Jahren selbst zu der Generation, die das ehemals industriell geprägte Nippes besiedelte. Wenn er an die Zukunft denkt, wird er nachdenklich, fragt sich, wer sich Nachbarschaft in der Großstadt letztendlich noch leisten kann. Gesungen wird dann in Köln immer noch vom Veedel, ist er sich sicher. »Die Kölner *innen singen vom Barbarossaplatz. Das ist ein neuer Blick. Man trifft sich woanders, man trifft sich an Ecken, wo jeder andere sagt: Oh mein Gott!«
Der französische Philosoph Michel Foucault (1926–1984) hat den Begriff »Heterotopie« geprägt. 1967 war das, in einem Radiovortrag. Foucault beschreibt dabei Kompensationsräume – konstruierte Orte, die vollkommener und wohlgeordneter erscheinen als die Realität. An die Kölner*innen und ihre Veedel hat der Philosoph dabei wohl nicht gedacht. Vielleicht steckt doch mehr dahinter als eine besungene und romantisch verklärte Illusion. Nicht nur bei seinen Mitsingkonzerten beobachtet Björn Heuser den Wunsch nach mehr Gemeinschaft: »Ich kann mir vorstellen, dass der Veedelsgedanke vielleicht sogar stärker wird, dass die Leute wieder enger zusammenrücken. Wir müssen zeigen, dass man keine Angst vor Veränderung haben muss, sondern dass Veränderung eine Chance ist. Aber man muss was dafür tun. Es reicht nicht, wenn man nur einmal in der Woche das Lied vom Veedel singt.«