Die Gründe hierfür mögen in der Entwicklungsgeschichte der Stadt, der späten Eingemeindung der rechtsrheinischen Stadtteile oder in den städtebaulichen Veränderungen der Nachkriegszeit liegen. Aber viele Kölner*innen aus den Randbezirken scheuen den Besuch in einem Museum und waren noch nie dort. Mal hat es finanzielle Gründe, mal spielt die weite Anreise eine Rolle, oft aber auch eine gewisse Hemmung, solch einen bislang unbekannten Ort zu besuchen. So nimmt der Museumsdienst der Stadt Köln bewusst den umgekehrten Weg und geht mit dem Projekt »museenkoeln IN DER BOX« direkt in die Kölner Stadtbezirke, zum Beispiel in Schulen oder Seniorenzentren. Ein Bus voller Objekte, Fotos und Repliken bringt das Kulturerlebnis Museum zu den Menschen in Köln und der Region. Mit an Bord: Die Museumspädagog*innen des Museumsdienstes und eine Vielzahl an Ideen und Workshops für alle Altersgruppen.
Fotosafari im Veedel
Dienstagmorgen in einer Hauptschule in Köln-Porz. Das Klingeln kündigt das Ende der großen Pause an. Vor dem Absperrzaun am Rande des Schulhofs löscht der Nieselregen hastig weggeschnipste Zigarettenkippen. Letzte Nachzügler verschwinden hinter fensterlosen Türen. Mit den Schüler*innen der fünften Klasse werden wir den Tag im Freien verbringen. Im Gepäck jeweils eine Sofortbildkamera und einige Wortkarten, darauf Begriffspaare, wie »Licht und Schatten«, »Stillstand und Bewegung«. Die Aufgabe: Durchstreife die Straßen deines Viertels – mit den Augen eines/r Künstler*in. Versuche deinen Blick für alltägliche Dinge zu schärfen, die sonst im Verborgenen bleiben. Hier die Nahaufnahme eines tropfenden Hydranten, dort die Reflexion des Sonnenlichts in der Fensterscheibe des Bahnhofskiosks. Eine Idee, ein Moment, ein liebgewonnener Ort in der Nachbarschaft kann, festgehalten auf Fotopapier, zum Kunstwerk werden. Zurück in der Schule versehen wir die Bilder mit Titeln und Rahmen und befestigen sie an den Wänden des Klassenraumes, der nun für kurze Zeit auch Ausstellungsraum ist.
Eine knappe Dreiviertelstunde mit den »Öffentlichen« brauchen die Porzer Schüler*innen zum nächsten Museum – vorausgesetzt die Bahnen fahren pünktlich. Sicher, die Stadt bemüht sich um die Teilhabe aller am kulturellen Leben. Schüler*innen haben freien Eintritt in die meisten Museen, Audioguides lassen sich bequem und kostenlos aufs Smartphone herunterladen. Am ersten Donnerstag im Monat ist »KölnTag« und damit der Eintritt für alle Kölner*innen frei. Doch: »Was hat der alte Kram im Museum mit mir und meiner Geschichte zu tun?« Eine Frage, die vor allem für jene von Bedeutung ist, die jung sind, neu in der Stadt oder nicht wissen, wie lange sie bleiben.
Damit ein Objekt, sei es eine Fotografie oder Großmutters Teekanne, eine Bedeutung für uns bekommt, braucht es eine kleine Initialzündung. Etwas, das eine Verbindung zwischen unserem Leben und dem scheinbar belanglosen Stück Porzellan in der Ausstel lungsvitrine herstellt.
Innen und Außen
Ortswechsel: eine Grundschule im Kölner Osten. Türen knallen, Schuhsohlen quietschen auf feuchten PVC-Böden. Aus dem Lehrerzimmer kriecht der Kaffeeduft bis in den ersten Stock. Gleich beginnt die zweite Stunde. Tische werden zusammengeschoben, Namensschilder gebastelt, die Kinder der vierten Klasse finden sich in einem großen Stuhlkreis zusammen. In der Mitte lagert gut verstaut in blauen Boxen eine Reihe von Objekten. Gemeinsam wird ausgepackt. Natürlich mit der gebotenen Vorsicht, denn alles stammt aus den Depots und Archiven der Kölner Museen. Zugegeben, das meiste ist nicht besonders wertvoll. Dafür umso kurioser – zumindest mit den Augen einer Zehnjährigen. Ein Wählscheibentelefon? »Nein, so etwas habe ich noch nie gesehen. Selbst meine Großeltern schreiben mir auf WhatsApp.« Der gläserne blaue Anhänger in Form eines Auges dagegen wird von vielen sofort erkannt: »Na klar, ein Nazar-Amulett. Hängt zu Hause doch an jeder Türe! Es schützt vor dem bösen Blick.«
Alle Objekte haben mit dem Thema »Begrüßungen« zu tun. Auch die Kaffeekanne und das marokkanische Teeservice markieren, eingebunden in Begrüßungsrituale, den Übergang von einer öffentlichen Außenwelt ins Private. Jedes Land, jede Kultur hat da so ihre Eigenheiten. Ziehen wir die Schuhe aus, bevor wir eine Wohnung betreten? Bieten wir unseren Gästen Kaffee oder Tee an? Und wie begrüßt man sich eigentlich in Frankreich? Fragen, auf die eine bunt gemischte Klassengemeinschaft viele Antworten finden kann.
Vier Wände
An einem Donnerstagmorgen sind wir zu Gast in einem Finkenberger Altersheim. Neun Senior*innen haben sich zu einem Workshop rund um das Thema »Zusammen spielen« angemeldet. Das Besondere: Vor der Türe warten bereits die Kids einer nahe gelegenen Kindertagesstätte. Jung und Alt werden die kommenden Tage gemeinsam verbringen. Teils liegen mehr als 80 Jahre zwischen den ungleichen Teilnehmer*innen. Eine gute Gelegenheit für einen Austausch der Generationen. Diesmal in den mitgebrachten blauen Boxen: verschiedene Spielgeräte. Darunter eine antike Boccia-Kugel aus der Römerzeit und ein alter Holzkreisel. Doch wie hat sich das gemeinsame Spielen im Lauf der Zeit verändert? »Wir haben nach der Schule bis abends auf der Straße gespielt. Meine Schwester und ich mussten uns ein paar Rollschuhe teilen. Das war unser wertvollster Besitz«, weiß eine Seniorin zu erzählen. Die Vorstellung, allein ohne Erwachsene auf der Straße zu spielen, hinterlässt deutlichen Eindruck bei den kleinen Zuhörer*innen. Auch der einst gefürchtete Stubenarrest scheint niemand mehr zu schrecken. »Meine Eltern ändern das WLAN-Passwort, wenn meine Geschwister Mist gebaut haben«, zeigt sich ein Mädchen schockiert und erntet mitfühlende Blicke. Was bleibt ist die unumstößliche Erkenntnis, dass auch die Senior*innen einmal Kinder waren. Der Dialog schafft ein grundlegendes Verständnis füreinander.
Museen sind für viele immer noch Orte der sozialen Disziplinierung. Orte, an denen man sich nicht so verhalten darf, wie man gerne möchte: »Sei leise. Halte still. Nur gucken, nicht anfassen. Ein bisschen Ehrfurcht, wenn ich bitten darf!« Auch wenn das in den meisten Museen gar nicht so ist, das Vorurteil hält sich hartnäckig, so wie das verstaubte Label »Hochkultur«. Projekte, wie »museenkoeln IN DER BOX« öffnen den Raum für eine erste Annäherung. Denn ohne Druck und in vertrauter Umgebung lassen sich Barrieren leichter überwinden. Dazu braucht es nicht viel: einen Bus, einige Kisten mit ausgesuchten Objekten und die Bereitschaft, einander zuzuhören.