Gefährliche Nähe

Verfolgung und Verbrechen – mitten unter uns

»Bei üch in dä Wonnung hätt sich einer vun dä Familich kapott jeschosse.« – Eine Antwort, mit der Michael Vieten nicht rechnet. Fragte er doch eher beiläufig die ältere Nachbarin, wer wohl vor ihm in der schönen Altbauwohnung in der belebten Kölner Ehrenstraße gelebt haben mag, die er im Dezember 2002 bezieht. Der jüdische Geschäftsmann Abraham (Abba) Katz hatte sich hier, in seinem Badezimmer, am 19. Oktober 1933 umgebracht. Eine »unbeschreibliche Bestürzung und Neugierde« treibt Michael Vieten auf die Suche nach einem Schicksal, einer Lebensgeschichte, die ihm plötzlich ganz nahe ist.

Ein altes Auto

Abraham Katz und seine Ehefrau Hedwig mit den Kindern Ellen und Fritz im Auto auf der Kölner Rheinuferstraße um 1925, Bildnachweis: Michael Vieten, Ellen Newman, Indian Shores FL 2010

Er durchforstet über Jahre Kölner Bibliotheken, die Bestände des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln (NS-DOK), besucht die Nachfahren in England und Amerika. Private Probleme, heißt es zunächst, seien der Grund gewesen. Doch er sucht weiter: Abraham Katz war Teil der großen und erfolgreichen Metzgerei- und Unternehmerfamilie Katz-Rosenthal mit zahlreichen Geschäften und Angestellten, einem modernen Selbstbedienungsrestaurant auf der Schildergasse 99/101 und einem Hauptgeschäft in der Ehrenstraße 86. Bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten waren jüdische Geschäftsleute von antisemitischer Propaganda und massiven Anfeindungen betroffen. Der »Westdeutsche Beobachter« verbreitete so absurde wie haltlose Behauptungen: »Skandal bei Katz-Rosenthal« hieß es in der Zeitung am 20. Mai 1928, eine Maus sei im Essen des Schnellrestaurants gefunden, der bekannte Amateurboxer Jack Domgörgen wissentlich vergiftet und alles vertuscht worden. Die Familie wehrte sich, doch auch das Gericht sah trotz widersprüchlicher Zeugenaussagen keine Notwendigkeit für Schadensersatz oder Richtigstellung.

Mitten in Köln – unter den Augen aller

Keinerlei Unterstützung erfuhren auch Abrahams Bruder Benno Katz und sein Sohn Arnold, als sie – ebenfalls in aller Öffentlichkeit – flankiert von Plakaten mit diffamierenden Aufschriften am Tag des reichsweiten Boykotts jüdisch geführter Geschäfte und Einrichtungen durch die Stadt getrieben wurden. Und wenig Hoffnung auf Verbesserung der Situation dürfte sich Abraham Katz gemacht haben, als er sich am 19. Oktober 1933 in seiner Wohnung – mit einem Bolzenschussgerät aus dem Schlachthof, hieß es – umbrachte.

Solcherlei Schicksale spielten sich mitten in Köln ab, an den Orten, die uns noch heute im Alltag nah sind – und sie geschahen vor dem Hintergrund zunehmender Radikalisierung der Ausgrenzung und Anfeindung: Bereits ein halbes Jahr vor dem Selbstmord war im April 1933 die gesetzliche Grundlage geschaffen worden, Menschen jüdischen Glaubens sowie politisch missliebige Personen aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Wie selbstverständlich nahmen andere ihren Arbeitsplatz ein.

Das Novemberpogrom 1938 erfolgte ebenfalls unter der Mitwirkung, zumindest aber unter den Augen der Stadtgesellschaft: Der damals neunjährige Zeitzeuge Stefan Pick berichtet von spielenden Kindern in den zerstörten Schaufenstern der Altkleider-Handlung und Änderungsschneiderei von David Kuflik in der Hansemannstraße 14, mitten in Ehrenfeld. Auch zur Synagoge in der Körnerstraße sei er gegangen, an diesem Tag: »Die Türen waren offen«, wunderte er sich. »Wieso steht hier die Feuerwehr und dann erst beginnt es zu brennen?« Heinrich Grünebaum, Sohn des Kantors der Synagoge, erlebte, wie sein angrenzendes Wohnhaus zerstört wurde – und wie sich die zahlreichen Schaulustigen verhielten:

»Es war eine stille Masse von Leuten. […] Die machten mir eine Gasse. Ich ging dann durch. Die Leute sprachen etwas miteinander, aber ich wurde nicht beschimpft. Es wurde nichts Positives und nichts Negatives gesagt. Es war im gewissen Sinne wie eine etwas leblose Masse, die da versammelt war.«

Und viele profitierten

Im Zuge der sogenannten »Arisierung« wurde jüdischen Familien seit 1933 systematisch die berufliche Grundlage entzogen, der Besitz und die eigene Wohnung enteignet. In etwa 270 Ghettohäusern mussten ab Frühjahr 1941 zumeist mehrere Familien auf engstem Raum zusammenleben. Ab Ende 1941 wurden sie verstärkt im Deportationslager Müngersdorf interniert – als Vorbereitung für die anstehenden Weitertransporte. Die Kölner*innen profitierten vielfach davon, konnten sich nun weit unter Wert verkaufte Wohnungen und Häuser leisten.

Armin Lauter (Jahrgang 1927) berichtet rückblickend, wie seine Familie nach der Zerstörung des Wohnhauses durch Bombentreffer eine Wohnung in der Bonner Straße zugeteilt bekam: »Ich komme links in die Küche rein, da stand der Tisch, mindestens sechs Teller, Essgeschirr, [...]. Alles war auf dem Tisch und die Essensreste waren noch auf den Tellern.« Es konnte noch nicht lange her sein, dass die jüdischen Bewohner*innen deportiert worden waren. Und nun bezogen sie deren Zimmer, unter den Blicken der Nachbarschaft: »Wie die gucken. [...] Ein ganz fieses Gefühl« beschlich den Jungen: »Mich hat das sehr getroffen.«

Am 22. Oktober 1941 begannen die Deportationen vom Bahnhof Deutz aus. Verzweifelt nahmen sich allein im Vorfeld dieses ersten Transportes innerhalb weniger Tage 37 Kölner*innen das Leben, davon allein sieben aus dem großen Ghettohaus am Ehrenfeldgürtel 136. Ebenso mitten in der Stadt musste sich die jüdische Bevölkerung, stigmatisiert durch den gelben »Judenstern«, zur Deportation in der Kölner Messe einfinden. Lore M. beschreibt die Straßenbahnfahrt durch die Stadt »mit Rucksack und Koffern und [dass] uns die Leute zum Teil sehr mitleidig, zum Teil auch freudig angeguckt haben, als würden sie sagen: ›Nun ja, Gott sei Dank, wieder ein paar weniger.‹«.

Die Menschen verschwanden, die Orte blieben

Containerweise wurden das enteignete Mobiliar und der Besitz der Deportierten aus Köln, später auch aus ganz Europa, unter anderem in der Kölner Messe versteigert – und Zehntausende profitierten davon – im Wissen um Herkunft und Hintergründe, auf die bei diesen Gelegenheiten deutlich hingewiesen wurde. Die Menschen verschwanden, wurden ermordet in den Konzentrations- und Vernichtungslagern – doch die Orte bleiben.

Auch Armin Lauter begegnet seiner eigenen Geschichte eher zufällig: Um seine Rente aufzubessern, arbeitet er als Wachmann im EL-DE-Haus, der ehemaligen Gestapo-Zentrale inmitten der Stadt, von wo aus die Verfolgung, Deportation und damit die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Kölns organisiert worden war. Dort entdeckt er sich selbst in der Ausstellung auf einem Bild als jugendlicher Luftwaffenhelfer – und stellt sich dem NS-DOK als Zeitzeuge zur Verfügung: ein Zufall, der es erlaubt, der Geschichte und den Geschichten Kölns wieder ein Stück näher zu kommen – ebenso wie das Engagement Michael Vietens, der damals, geschockt von der Auskunft der Nachbarin, wohl nicht damit gerechnet hätte, dass ihn das Schicksal der Familie Katz-Rosenthal über Jahrzehnte beschäftigen würde. Inzwischen ist ein Buch entstanden, das die Familiengeschichte auch anderen näherbringt, »wodurch«, so schreibt der Autor im Fazit, »sie mich nun loslässt – aber nicht ganz«.

Text: Dirk Lukaßen

Dr. Dirk Lukaßen ist Referent des Museumsdienstes für Bildung und Vermittlung am NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln. Er empfiehlt als Literatur zum Thema: Michael Vieten: ›Ich halte Euch fest und Ihr lasst mich nicht los!‹ – Katz-Rosenthal, Ehrenstraße 86, Köln, Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2017. Dazu die Zeitzeugeninterviews auf dem Internetportal »Erlebte Geschichte« (www.eg.nsdok.de).