Duftmarken

Liebe geht durch die Nase

Die deutschsprachige Benimmliteratur der Nachkriegsjahre liest sich wie eine Gebrauchsanweisung für ein ganzes Land, das den Umgang mit sich selbst und den anderen erst wieder zu erlernen hatte. »Allein mit sich« heißt dann auch das erste Kapitel in Gertrud Oheims Bestseller »Das 1×1 des guten Tons« von 1955.

Werbefotografie von einem Mann und einer Frau

Werbemotiv »Russisch Leder«, Bildnachweis: © Johann Maria Farina / CC BY-SA 4.0

Es geht um Selbstbeherrschung und um Selbstachtung, um den korrekten Gang und zwangloses Sitzen. Aber auch heikle Themen wie die menschliche Hygiene werden diskret behandelt. Besonders traurig sei es, so die Autorin, wenn ein ungepflegter Körper unter eleganter Kleidung und Fluten von Parfüm verborgen werde.

Der Umgang mit Körpergeruch ist symptomatisch für den schwierigen Balanceakt von Nähe und Distanz im öffentlichen Raum. In einem weiteren Ratgeber geht es ein paar Jahre später um die korrekte Anwendung von Duftwassern. Parfum gehöre nicht etwa auf die Kleider gesprüht, sondern dezent auf die Haut getupft.

»Uns gehen starke Wohlgerüche im Allgemeinen auf die Nerven, deshalb tun unsere Frauen und Mädchen gut daran, nur ganz mäßigen Gebrauch von Parfums zu machen.«

Es spreche aber nichts gegen den Gebrauch von Lavendel oder Kölnisch Wasser, so heißt es weiter, die wegen ihres leichten Dufts und der erfrischenden Wirkung beliebt seien.

Die meisten dieser Bücher richten sich explizit an Frauen, Männer werden eher mit jovialem Augenzwinkern ermahnt, dieses oder jenes zu vermeiden. Eine Ausnahme betrifft die Parfümierung, da gibt es klare Regeln. »Männer parfümieren sich überhaupt nicht«, heißt es in der »Hohen Schule der Lebensart«. Parfüm sei weibisch und ein gutes Kölnisches Wasser oder »ein herbes Juchten« für das Taschentuch genügten vollauf.

Ein Rat, der heute kaum mehr zu verstehen ist. Juchtenleder ist ein ursprünglich aus Russland stammendes Leder, das mit herbem Birkenteeröl behandelt seinen charakteristischen rauchigen Geruch erhält. Und auch wenn die Bezeichnung aus unserem aktiven Wortschatz verschwunden ist, so können wir sie immer noch riechen.

Beispielsweise in der Serie »Russisch Leder« aus dem Hause Farina Gegenüber. 1925 wurde der Herrenduft auf den Markt gebracht, 1934 zu »Juchten« eingedeutscht und ab 1967 wieder unter der Ursprungsbezeichnung verkauft. Da scheint sich das Parfümierungsgebot für Männer gelockert zu haben, wie das Reklamemotive aus den 1970er Jahren deutlich machen. James Bond lässt grüßen. Ob in der Skihütte, im Spielcasino oder im elegant eingerichteten Wohnzimmer, der entsprechende Duft gehört zum Erfolg wie der distanzierte Blick und die weibliche Beute – denn Erfolg ist eine Frage des Systems. Das Farina Duftmuseum erzählt die Geschichte des Parfümeurs Johann Maria Farina und seiner erfolgreichsten Kreation – sein »Eau de Cologne« machte Köln schon im 18. Jahrhundert zur Duftmetropole von Weltruf.

Text: Johannes J. Arens

Johannes J. Arens ist Kulturanthropologe und Journalist.