»Solche Bilder wurden an Touristen verkauft«, erläutert Peter Mesenhöller, Ethnologe und Neuseeland-Spezialist am RJM. Damals wurden die traditionellen Tätowierungen nicht mit der Nadel gestochen, sondern mithilfe eines traditionell aus dem Knochen eines Albatros bestehenden Werkzeugs namens Uhi unter die Haut gemeißelt, so der Museumspädagoge. »Dadurch entsteht eine Art Relief. Wenn aber die Farbe verblichen ist, kann man die Narben auf einem Foto nur schlecht erkennen.«
Das ist der Grund, warum die Muster schon auf den Negativen nachgezeichnet wurden. Und in der Tat, bei genauerer Betrachtung wird sichtbar, dass die Linien nur bedingt den Zügen des Gesichts folgen.
Seit den Entdeckungsreisen, wie sie etwa James Cook im 18. Jahrhundert unternahm, erfreuten sich rassistisch-koloniale Berichte und Abbildungen von »edlen Wilden« in der westlichen Welt großer Popularität. Der Ausdruck »Tätowierung«, abgeleitet vom polynesischen »tatau« für »ein geschlagenes Zeichen«, ist erstmals für das Jahr 1777 belegt.
Die Technik ist zwar in Europa kein neues Phänomen, im Allgemeinen aber wurden bis weit ins 20. Jahrhundert Tätowierungen mit Matrosen, Soldaten und Prostituierten in Verbindung gebracht. Die Bilder auf ihrer Haut waren ein Zeichen für die Zugehörigkeit zu Randgruppen. Das ist bei den »moko«, den traditionellen Mustern der Maori, anders. Denn dort geht es nicht um die Ränder, sondern um die Mitte der Gesellschaft. Bestimmte Tätowierungen waren in der Hierarchie weit oben stehenden Menschen vorbehalten, erklärt Peter Mesenhöller. »Die Tätowierungen im Gesicht geben dabei für Insider Aufschluss über die Herkunft der Trägerinnen und Träger.« Die rechte Hälfte ist der mütterlichen, die linke der väterlichen Familie zugeschrieben. Die organischen Formen gehen auf einen stilisierten Farnspross zurück, sie beinhalten kleine Unterschiede, die dem geschulten Auge die Abstammung seines Gegenübers verraten.
Im Verlaufe der Kolonialisierung und der Missionierung verschwanden die moko, und in den 1980er Jahren brachte man Gesichtstätowierungen in den Städten der Inseln vor allem mit Banden und Kriminalität in Verbindung.
Im November 2020 wurde die neuseeländische Politikerin Nanaia Mahuta nicht nur als erste indigene Außenministerin vereidigt, sie ist auch die erste Volksvertreterin, die auf internationalem diplomatischem Parkett mit einer Tätowierung am Kinn auffallen wird. Die traditionellen Muster sind wieder da, diesmal aber als Zeichen von Emanzipation und einem neuen Selbstbewusstsein.
Und auch hierzulande haben ähnliche Motive Hochkonjunktur. Eine Googlesuche zu den Stichworten Maori + Tattoo liefert mehr als 54 Millionen Ergebnisse. »Mit einem nur für dich entworfenem Tatau kannst du deine eigene Geschichte erzählen. Seine Symbolik kann dich dabei unterstützen, deine persönlichen Ziele zu erreichen und Probleme zu überwinden...«, bewirbt ein Anbieter seine Leistungen. Die Tradition ist zu einer internationalen Ware geworden, die Fragen nach der Geschichte und der Urheberschaft einfach ausblendet.
»Klar, ich werde in meinem Leben bei keiner Bank mehr arbeiten – muss ich aber auch nicht, ich verdiene auch so gut. Tattoos sind teuer, man muss Geld verdienen, um sich viele leisten zu können. [...] Ich trage den Wert eines Kleinwagens auf der Haut.«
Das einstige Symbol des Bürgerschrecks, des Unangepassten, ist zu einem Zeichen von Wohlstand geworden. Mitunter muss man eben genauer hinschauen, um Nähe und Distanz unterscheiden zu können.