Das Kölnische Stadtmuseum verlässt demnächst seinen alten Standort im Zeughaus und zieht in das ehemalige Kaufhaus Sauer in der Minoritenstraße. Am neuen Ort plant das Museum ein modernes Ausstellungskonzept. Die Arbeit der Köln-Expert*innen ist Teil der Neugestaltung.
»Ihr seid die Expertinnen und Experten für das heutige Köln«, betonen die Kuratoren Sascha Pries und Stefan Lewejohann beim ersten Zusammentreffen. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen vom Museumsdienst, Ipek Sirena Krutsch und Dominik Fasel, haben sie das partizipative Projekt entwickelt. Partizipation bedeutet Teilhabe – unter diesem Schlagwort bemühen sich Museen um eine noch größere Nähe zum Publikum. So wendet sich das Kölnische Stadtmuseum an Menschen als Köln-Expert*innen, um die künftige Präsentation zur Stadtgeschichte mit persönlichen Objekten zu bereichern. Zu Themen, die Kölner*innen heutzutage beschäftigen. Die Arbeit der Gruppe verläuft parallel zur Konzeption der Ausstellung, sodass sich beide Prozesse gegenseitig beeinflussen. Bei der Zusammensetzung der Arbeitsgruppe ist es dem Projektteam wichtig, möglichst verschiedene Perspektiven zu vereinen. Vor allem aber Stimmen hörbar zu machen, die bislang im Museum unterrepräsentiert oder noch gar nicht vertreten sind.
Man trifft sich zum einen zu sogenannten »Themensitzungen«, in denen die Leitfragen der künftigen Ausstellung diskutiert werden. Die Expert*innen sammeln dabei ihre Gedanken und finden ihre ganz persönlichen Antworten. Köln-Expertin Monika Wortmann:
»Ich hatte erst keine Idee, welcher Gegenstand zu dem Thema passen könnte, aber durch die Arbeit ist mir klar geworden, was es alles beinhalten kann.«
Es folgen »Objektsitzungen«. Alle Köln-Expert*innen sind eingeladen, persönliche Gegenstände mitzubringen, die eine Geschichte zum jeweiligen Thema erzählen. Diese sollen schließlich als Museumsobjekt die Erfahrungen ihrer Besitzer*innen vermitteln. Dabei wird es nicht selten emotional: Witzige, leidenschaftliche, traurige und rührende Geschichten aus der eigenen Vergangenheit oder Gegenwart machen die Runde. Auf einmal sind sich Menschen, die sich vorher nicht kannten, ganz nah.
Aus den Expert*innen ist inzwischen ein Team geworden, das mit Begeisterung an den Themen der künftigen Ausstellung arbeitet. Aufgrund der Pandemie Situation Ende 2020 treffen sich die Köln-Expert*innen zu den letzten Workshops allerdings digital.
Nicht ohne meine Ikone
Ich bin mit meiner dreijährigen Tochter im September 1963 nach Köln gekommen, um meinen Ehemann zu besuchen, der schon seit einem Jahr hier lebte. Zufällig traf ich einen Mann, der wie ich Schneidermeister war. Später erzählte er mir, warum er so gut Griechisch sprach: Er war deutscher Jude, Überlebender des Holocaust, und hatte meine Sprache im Konzentrationslager von Mitgefangenen gelernt. Gemeinsam beschlossen wir, ein Schneideratelier zu eröffnen. Da ich mich eigentlich gar nicht hier in Köln niederlassen wollte, sondern nur »zu Besuch« war, hatte ich natürlich keine Ikone im Gepäck. Also war meine größte Sorge: Wo bekomme ich eine her für das neue Atelier? Nirgends wurde ich fündig und so beschloss ich, selbst eine aus einem Kalenderbild herzustellen. Aber sie sollte auch alt und byzantinisch aussehen, so wie ich sie aus meiner Heimat kannte. Wir haben beim Spaziergang am Herkulesberg ein verwittertes Holzbrett gefunden, das Bild der Muttergottes darauf geklebt und die Ikone »auf alt« bearbeitet. So konnten wir den Laden eröffnen. Diese Ikone hing dort an der Wand bis zum Juni 2019, als ich mit 83 Jahren das Schneideratelier aufgeben musste.
Kulla Jossifidis (84), Köln-Innenstadt
Ich war dann mal weg
Nachdem ich 2009 in Ruhestand gegangen war, wollte ich etwas für mich ganz allein machen. Ohne Mann, ohne Freundin. Man hatte mir zum Abschied unteranderem das Buch »Ich bin dann mal weg« von Hape Kerkeling geschenkt. Nach der Lektüre hatte ich große Lust, auch einmal den Jakobsweg zu gehen. Es sollte aber keine rein touristische Unternehmung sein. Bei Google erschien zum »Jakobsweg« an erster Stelle der Link zum Bayerischen Pilgerverein. Nach einigen Tagen dachte ich: »Es soll so sein, dann fährst du eben mit den Bayern.« Nach telefonischer Kontaktaufnahme schickte man mir den Prospekt. Was konnte ich mir überhaupt zu trauen? Es sei ein erfahrener Pilgerführer dabei, hieß es, und wenn es absolut nicht mehr ginge, hätte der auch eine Lösung. Also ab nach München und dann auf nach Santiago. Ich ließ mich auf das Abenteuer ein. Mit einer netten Dame aus Südtirol teilte ich mir ein Doppelzimmer. Ein Glücksfall. In acht Tagen waren etwa 120 Kilometer von Sarria nach Santiago zu bewältigen, inklusive zweier Tagesmärsche von mehr als 30 Kilometern. Bevor wir am späten Nachmittag ins Hotel oder die Pension kamen, führte der Weg uns meist in eine Kirche. In Porto Marin passierte Folgendes: Der Pilgerführer begann, mit einer Stimme wie Placido Domingo ein Lied auf Spanisch zu singen. Wir sangen nur den deutschen Refrain, und bei diesem Refrain standen die anwesenden Spanier auf und legten die Hand aufs Herz. Das war so bewegend, dass manchen von uns die Tränen kamen. Wir haben alle den Weg mit mehr oder weniger Blasen an den Füßen geschafft. Als wir Santiago erreichten, sind wir uns lachend und weinend in die Arme gefallen. Das war unbeschreiblich! Neben der Urkunde »La Compostela« habe ich mir zur Erinnerung auch eine Jakobsmuschel mitgebracht.
Monika Vog (74), Köln-Rath/Heumar
Tagebuch als Therapie
Meine Eltern, mein Bruder und ich sind 1993 aus dem Kosovokrieg nach Deutschland gekommen. Ich war damals sechs Jahre alt und konnte mich an sehr viele schlimme Vorfälle erinnern. Eine böse Erinnerung, die ich mit mir trage, ist, wie mein Vater damals vor meinen Augen von den serbischen Polizisten geschlagen wurde, nur weil er deren Sprache nicht mächtig war. Ich war ein richtiges Papakind. Den eigenen Vater hilflos auf dem Boden liegen zu sehen, war ein schreckliches Gefühl für mich. Als ich in Deutschland zur Schule ging, führte ich ein Tagebuch. Darin schrieb ich verschiedene Ereignisse auf, die ich erlebt hatte – sowohl im Kosovo als auch in den verschiedenen Asylunterkünften, in denen meine Familie und ich sechs Jahre verbracht haben. Mir hat das Schreiben damals sehr geholfen. Auch wenn ich mich nicht perfekt ausdrücken konnte, war das Schreiben für mich eine Therapie. Und heute bin ich dankbar dafür, dass ich als kleines Kind diese Möglichkeit ergriffen habe, um mir selbst zu helfen.
Arbnora Gjoshi (33), Köln-Poll