Als der Künstler Tsukioka Yoshitoshi seine berühmte Serie in Holz schnitt, befand sich Japan im gesellschaftlichen Umbruch und auf dem Weg zur Großmacht. Trotzdem oder vielleicht gerade aus diesem Grund beschäftigt sich Yoshitoshi mit den Mythen und Erzählungen der Vergangenheit. Seine inhaltliche Klammer scheint uns dabei ebenfalls sehr geläufig, denn der Mond faszinierte und fasziniert auch die Menschen in der westlichen Welt. Auf den Holzschnitten ist er mitunter prominent zu sehen, dann wieder nur angedeutet gelegentlich auf die Gedichte am Rand der Darstellung beschränkt. Mal ist er das Ziel, wie in der Geschichte von Chang'e, die mithilfe eines Elixiers zum Mond fliegt und fortan als Göttin verehrt wird. Mal ist er Teil der Kulisse, in dem eine Frau den nächtlichen Schatten eines Pinienzweiges betrachtet. Aber ob beiläufiges Dekor oder Objekt der Begierde, der Mond schafft eine eigene Atmosphäre und damit eigene Geschichten.
Dass der Mond in Yoshitoshis Arbeiten eine zentrale Position einnimmt, ist kein Zufall, denn jener der Erde am nächsten stehende Himmelskörper spielt in der japanischen Kunst und Literatur eine besondere Rolle. Kaum ein anderes natürliches Phänomen taucht etwa so oft in Gedichten auf wie der Mond. Zudem finden diverse Feste im Jahreslauf an bestimmten Vollmondnächten statt, etwa tsukimi, die Mondschau, oder die Feierlichkeiten zum Todestag des Buddha im Frühjahr.
Auch in der westlichen Welt werden dem Mond besondere Bedeutungen zugeschrieben, die wie Satelliten als Geschichten, Objekte oder Ereignisse um ihn he rumkreisen. Ob Märchen wie »Peterchens Mondfahrt« oder Stanley Kubricks »A Space Odyssey«, ob Apollo 11 oder Kernschattenfinsternis, immer bewegen sich diese Geschichten zwischen Neugier und Angst, zwischen Abenteuer und fester Ordnung.
So versucht sich ein eher unbekanntes Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm von 1857 an einer Erklärung der Mondphasen. Es erzählt die Geschichte von vier Brüdern, die den Mond stehlen und in ihr eigenes dunkles Land bringen. Als sie schließlich nach und nach im hohen Alter sterben, nimmt jeder von ihnen ein Stück der Beute mit ins Grab. Spätestens seit der Romantik aber scheint der Mond eine Art Verstärker für Gefühle und Befindlichkeiten zu sein. Ob in Johann Wolfgang Goethes Gedicht »An den Mond« von 1778 – »Füllest wieder Busch und Tal /Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal/ Meine Seele ganz« – oder in Caspar David Friedrichs rund 50 Jahre jüngeren Darstellungen von Menschen, die den Mond betrachten.
Kein Planet hat uns je so neugierig gemacht und im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt. Vielleicht, weil er uns immer zum Greifen nah scheint. Einzelne Begebenheiten wie die Mondlandung von 1969, aber auch wiederkehrende Ereignisse wie Mondfinsternisse geben Anlass zur Begeisterung und sind Nährboden für Verschwörungstheorien.
Denn unser Verhältnis zum Mond war schon immer zwiespältig. Sanftes Mondlicht schafft die Bühne für romantische Szenen, und doch ist der helle Vollmond mutmaßlicher Verursacher so mancher Schlafstörung. Die Prinzipien der biologisch-dynamischen Landwirtschaft richten sich nach den Mondphasen, während Mythen um Menschen, die sich bei Vollmond in blutrünstige Werwölfe verwandeln, ein fester Bestandteil der Populärkultur sind.
Kein Planet hat uns je so neugierig gemacht und im wahrsten Sinne des Wortes beflügelt. Vielleicht, weil er uns immer zum Greifen nah scheint. Einzelne Begebenheiten wie die Mondlandung von 1969, aber auch wiederkehrende Ereignisse wie Mondfinsternisse geben Anlass zur Begeisterung und sind Nährboden für Verschwörungstheorien.
Denn unser Verhältnis zum Mond war schon immer zwiespältig. Sanftes Mondlicht schafft die Bühne für romantische Szenen, und doch ist der helle Vollmond mutmaßlicher Verursacher so mancher Schlafstörung. Die Prinzipien der biologisch-dynamischen Landwirtschaft richten sich nach den Mondphasen, während Mythen um Menschen, die sich bei Vollmond in blutrünstige Werwölfe verwandeln, ein fester Bestandteil der Populärkultur sind.
Der Mond ist nah und fern, Freund und Feind zugleich. 2009 widmete das Wallraf-Richartz-Museum, anlässlich des 40.Jubiläums der Mondlandung, dem Trabanten eine eigene Ausstellung mit Objekten zwischen einem Himmelsglobus aus der Renaissance und der humoristischen Fotocollage »Der Flug zum Mond mit dem Raketenflugzeug« von Liesl Karlstadt und Karl Valentin aus dem Jahr 1928. Selbst das Produktdesign hat die Raumfahrt zu futuristischen Entwürfen inspiriert. Aber nicht nur der Jahrestag, auch Köln als Ausstellungsort ergibt Sinn, liegt das Schicksal der Stadt doch spätestens seit 1823 gewissermaßen in den Händen des Mondes. Denn nicht nur in Japan, auch in Deutschland strukturieren die Mondphasen nach wie vor Bereiche unseres Lebens, etwa den Ostertermin – der in der Westkirche stets auf den ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond fällt – und damit auch die Fastenzeit und eben den Karneval davor.
Der Mond ist immer da, er hört und er sieht alles, wie es der Komponist Willi Ostermann 1929 in seinem Erfolgsschlager »Einmal am Rhein« besang: »Seelig berauscht, Küsse getauscht. Wo nur der Mond allein dich schelmisch belauscht.« Dabei spielt es keine Rolle, wo auf der Welt man sich befindet. Ob Pitter und Apollonia am Rhein oder das Bauernpaar am Ende des Arbeitstages im alten Japan im Holzschnitt von Tsukioka Yoshitoshi. Es ist und bleibt derselbe Mond.