Für Kinder ist Neugier die Triebfeder des Lernens und Erfahrens, vielen Erwachsenen bleibt sie es ein Leben lang: »Neugier gibt den Anstoß, die Welt jenseits des vorhandenen Wissens zu erkunden und die Grenzen zum Neuland immer wieder zu überschreiten«, weiß die Sozialwissenschaftlerin Helga Nowotny. Was wäre die Welt ohne vom Wissensdrang befeuerte Geister? Kein Mensch wäre je zum Mond geflogen oder auf den Grund der Meere getaucht. Die großen Entdecker, niemals wären sie in See gestochen. Die Erfindungen, die die Welt veränderten – niemand hätte je einen Gedanken daran verschwendet. Wir würden kein Feuer machen, nicht fahren, nicht fliegen, nicht googeln, nicht streamen, nicht heilen, nicht schützen. Wir wären einem Virus wie Covid-19 hilflos ausgeliefert.
»Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig«,
soll Albert Einstein gesagt haben. Psychologisch betrachtet, trifft er den Kern. Denn Neugier ist eher eine emotionale Angelegenheity. Ein elementares Gefühl wie Freude, Wut oder Ekel. Neurowissenschaftler belegen, dass bei Wissensdurstigen bestimmte Areale des Gehirns besonders gut vernetzt sind. Der Hippocampus, fürs Gedächtnis zu ständig, sendet – sobald er Unbekanntes erkennt – Signale an das Striatum, Sitz des Belohnungssystems. Und gehen wir der Neuentdeckung auf den Grund, sorgen Botenstoffe für ein rundum positives Gefühl. Auch weiß die Forschung inzwischen, dass nicht das Neue allein die Neugierde anheizt, sondern die individuelle Bewertung der Dinge und Ereignisse aufgrund eigener Erfahrungen. So begibt sich unser Hirn ständig auf die Pirsch nach neuen Eindrücken und erhofft sich als Lohn ein Wohlgefühl, das sich positiv auf das Selbstbewusstsein auswirkt. Aber auch – besonders gern auf Reisen – neues Wissen, das uns ein nächstes Puzzleteil der komplexen Welt entschlüsseln und einordnen lässt.
»Neugier zieht den Gewohnheiten den Teppich unter den Füßen weg.«
»Neugier«, schreibt der Schriftsteller Ilija Trojanow, »zieht den Gewohnheiten den Teppich unter den Füßen weg.« Wer sich offenen Auges (und Herzens) in unbekannte Räume begibt, wird dort nicht nur Ungesehenes entdecken, sondern daraus seine eigenen Schlüsse ziehen: Neugier ebnet den Weg zu noch mehr Fragen und Antworten, zu neuen Ufern und Ideen – Neugier macht kreativ. Das gilt für die Kunst. Das gilt für die Museen, von denen gerade in Köln auffällig viele auf die Neugier und Sammelleidenschaft Einzelner gegründet sind. Was manchmal vielleicht nach aus der Zeit gefallener Tugendhaftigkeit klingt, steht auch in Personaletagen moderner Unternehmen hoch im Kurs – vom immer mehr wissen Wollen ihres Personals möchten auch die Arbeitgebenden profitieren.
Allzu vorwitzige Kolleg*innen machen sich aber schnell unbeliebt, wenn das Ganze in Klatsch und Intrige mündet. So steht die an sich so löbliche Eigenschaft schon in früheren Zeiten unter Verdacht: Kirchenvater Augustinus (354 – 430 n. Chr.) geißelt die Neugier als »andachtsferne und betäubende Lust (…) zu erfahren und zu erkennen«. Antike Moralisten schimpfen über Wichtigtuer, denen nichts Besseres einfällt als ihre Nase in anderer Leute Dinge zu stecken. Mittelalterlichen Theologen gilt sie als Sünde oder bestenfalls noch – als Unschicklichkeit. So sollen Frauen der Neugier entsagen, um nicht Dinge zu erfahren, die - halt nur Männer wissen dürfen. Bei Missachtung droht gar der Scheiterhaufen. Die finstere Seite der Neugier, die Sensationslust, ist uns auch heute allzu vertraut. Menschen gieren nach Indiskretionen aus der High Society. Wieder andere zücken beim Vorbeifahren das Smartphone, um ein Erinnerungsfoto vom Crash auf der Autobahn zu erhaschen.
Dabei weiß der Mensch nicht erst seit der Zeit der Aufklärung und ihrer Forderung nach der Vernunft als Maßstab allen Handelns, dass Neugier viel Positives bewirken kann. Auch angesichts der weltumspannen den Herausforderungen, die sich unserer Gesellschaft stellen. »An guten Tagen«, auch das der Autor Ilja Trojanow, »träume ich von einem goldenen Zeitalter der Neugier. Es gibt noch so viel zu wissen, so viel zu erfahren.« Daraus folgt: »Wenn ich Interesse habe an dem, was existiert, habe ich Interesse an dem, was sein könnte.« Die Neugier ist für Trojanow eine zukunftsweisende Größe mit utopischen Qualitäten.