Wie brachten die Sammelnden die Objekte in ihren Besitz? War aufgrund ungleicher Machtverhältnisse Gewalt im Spiel, ist es Raubkunst, und – sollten die Exponate an jene zurückgegeben werden, denen sie einst gehörten? Unbestritten, das sind wichtige Fragen, wobei die nach dem »Warum?« meist zu kurz kommen: Warum waren weiße Europäer*innen im 19. Jahr hundert eigentlich so brennend interessiert an Objekten von anderen Kontinenten? So sehr, dass sie sich diese unter abenteuerlichem Aufwand, unter Strapazen und manchmal auch gewaltsam aneigneten?
Um die Neugier der Sammler*innen in der Kolonialzeit besser zu verstehen – ja, auch Frauen sammelten, oft wurden deren Fundstücke aber den Sammlungen ihrer Ehemänner zugerechnet – , lohnt ein Blick auf die lange Geschichte europäischer Sammelleidenschaft. Seit der frühen Neuzeit hatte sich Europas Horizont drastisch geweitet. Das Sammeln fremder Objekte in sogenannten Wunderkammern war zur beliebten Beschäftigung weltgewandter Adliger geworden. Im 19. Jahrhundert konnten es sich dann immer mehr Menschen erlauben, eigene Sammlungen anzulegen. Zunehmend erwarb man die Objekte der Begierde nicht mehr nur über Zwischenhändler, sondern vor Ort, auf eigenen Reisen. Sammeln wurde zur Obsession des europäischen Bürgertums, und die zusammengetragenen Gegenstände endeten oft in den stetig wachsenden Depots ethnologischer, archäologischer und naturkundlicher Museen. Dabei sammelten die wenigsten aus wissenschaftlichen Beweggründen. Die Objekte hatten eher den Stellenwert heutiger Reisesouvenirs: Sie verkörperten den Status und die kosmopolitische Gesinnung ihrer Besitzer*innen und dienten als Erinnerungsstücke.
Auch Wilhelm Joest (1852 – 1897) begann auf diese Art zu sammeln. Als Sohn des Kölner Zuckerfabrikanten Eduard Joest verfügte er über das finanzielle Polster, weltweit reisen zu können. Während seiner ersten Reisen nach Nordafrika und Amerika häufte er vor allem »Kuriositäten« an – von Menschen, die er in seinen Tagebüchern gleichzeitig als aufregend exotisch und rückständig beschreibt. So war es Joests Kindheitstraum, den Bewohner*innen von Feuerland (Argentinien) zu begegnen. Vor Ort ist er begeistert von ihnen, obwohl sie so anders auf ihn wirken – in seinen Tagebuchaufzeichnungen äußert er sich dennoch rassistisch und entmenschlichend über sie.
Joests Motive wandelten sich, als er auf seiner dritten Reise nach Asien Adolf Bastian begegnete. Bastian war damals die zentrale Figur in der noch jungen deutschen Ethnologie und erfüllt von der Sorge, dass die materielle Kultur der von ihm als »Naturvölker« bezeichneten Gruppen im Kontakt mit der europäischen Expansion unweigerlich vernichtet würde. Sein Plan: europäische Reisende zu überzeugen, so viel wie möglich für das ethnologische Museum in Berlin zu sammeln und so »zu retten, was zu retten ist«. Auch Joest versuchte von nun an, systematischer vorzugehen. Er legte – auf der indonesischen Insel Seram, auf Taiwan und schließlich auf dem japanischen Hokkaido – umfassende Sammlungen an, die er später verschiedenen europäischen Museen schenkte. So nahm Joests Karriere als Forschungsreisender und Ethnologe ihren Anfang und Lauf.
Die Motivation der Sammelnden war unterschiedlich. Viele hatten Selbstdarstellung im Sinn, gesellschaftlichen Status oder die wissenschaftliche Karriere, andere den vermeintlichen Schutz von Objekten vor der Zerstörungskraft des Kolonialismus. All diese vordergründigen Motive gingen Hand in Hand mit dem Blick auf das Fremde, einer Mischung aus Faszination und Abscheu, Sehnsucht und Neugier. Auch Joest hatte derartige Empfindungen: »Ideal der Tropen, euch gehört mein Herz«, notierte er überschwänglich in seinem Tagebuch. Die Welt außerhalb Europas galt ihm als Sehnsuchtsort, an dem er in der Begegnung mit fremden Kulturformen die sozialen Zwänge der europäischen Klassengesellschaft hinter sich lassen konnte. Gleichzeitig sind Joests Texte aber durchdrungen von rassistischem Gedankengut, das auch vielen seiner Zeitgenoss*innen zu eigen war. Seine ehrlich empfundene Neugier schützte Joest nicht davor, das Fremde gleichzeitig zu exotisieren und abzuwerten. Neugier und Rassismus standen nicht im Widerspruch zueinander, sie bedingten sich gegenseitig.
So muss man nicht nur das koloniale Erbe, sondern auch den Begriff der Neugier an sich überprüfen: Inwiefern drückt sie sich schlicht als Gier aus, als Sehnsucht, dem Fremden nicht nur zu begegnen, sondern von ihm Besitz zu ergreifen? Die Sammlungen heutiger Museen ermöglichen es, diese Debatte anhand ganz konkreter Beispiele zu führen. Auch hinsichtlich solcher Objekte, die tatsächlich aus purer Neugierde und rechtmäßig erworben wurden, ist zu untersuchen, welche Sehnsüchte nach der Inbesitznahme des Fremden hier eine Rolle gespielt haben. Die formelle Kolonialherrschaft liegt in der Vergangenheit, aber ihre weltanschaulichen Nachwirkungen begleiten uns noch heute. Unreflektierte Neugier und Sehnsucht nach dem Fremden läuft daher immer auch Gefahr, koloniale Denkweisen lebendig zu halten. Die Debatten um »cultural appropriation« (kulturelle Aneignung) zeigen, wie brisant dieses Thema nach wie vor ist. Überall auf der Welt befinden sich ethnologische Museen gerade in einem Prozess der Dekolonisierung, in dessen Rahmen sie ihre koloniale Vergangenheit aufarbeiten und versuchen, zu Orten der Vielstimmigkeit zu werden. Dabei geht es aber nicht nur um die Institutionen, sondern um koloniale Denkmuster allgemein. Das Beispiel Wilhelm Joest zeigt: Auch ein Grundgefühl wie die Neugier hat eine koloniale Geschichte, die es zu reflektieren gilt, wenn wir uns als Gesellschaft insgesamt dekolonisieren wollen.