Zu guter Letzt - Neugier
Mit den Bechers auf Motivsuche
Darf man sich Bernd und Hilla Becher als neugierige Menschen vorstellen? Jenes Künstlerpaar, das die ganze Republik bereiste, um systematisch mit der Großbildkamera die Objekte ihrer fotografischen Begierde zu verewigen: endlose Reihen von Fachwerkhäusern, Gasometern, Hochöfen, Förder-, Kühl- und Wassertürmen. Alles akribisch genau und hochwertig in Schwarz-Weiß dokumentiert, bevorzugt bei bedecktem Himmel. Wohl dem, der in der gleichförmigen Einheit die faszinierende Vielfalt entdeckt. Aber lauschen wir einem fiktiven Gespräch zwischen Bernd und Hilla Becher auf dem Gelände der Bochumer Zeche Hannover an einem bedeckten Tag des Jahres 1974: »Schau mal, Bernd, was haben wir denn da? Das ist doch sicher ... « – »... kein Förderturm, Hilla.« – »Sieht aus wie aus einem Science Fiction-Film. Sollen wir es fotografieren?« – »Aber schnell, bevor die Aliens aussteigen!« So (oder so ähnlich) könnte die Fotografie des rätselhaften Bauwerks entstanden sein. Sie zeigt kein UFO, sondern – ein Benzollager. Hier bunkerte man den Rohstoff, der bei der Koksgewinnung aus Steinkohleteer entsteht und zur Herstellung spezieller Chemikalien genutzt wird. Weil leicht entzündlich und hochgiftig, wurden die Vorräte tiefergelegt, geschützt von einer futuristischen Metallkuppel. Die Fotografie aus den Beständen der Photographischen Sammlung/ SK Stiftung Kultur beweist, was nur wenige wissen: Die Bechers interessierten sich nicht nur für die äußere Hülle, die Industriearchitektur an sich – auch für das Innenleben und die Produktionsabläufe, deren Stätten sie Arbeitsschritt für Arbeitsschritt ebenso gewissenhaft dokumentierten. Wir müssen uns Bernd und Hilla Becher als neugierige Menschen vorstellen.
Text: Rüdiger Müller