Schon in der Spätantike gehörte die Verehrung von Reliquien zu den wichtigsten Äußerungen der Volksfrömmigkeit – die irdischen Überreste von Märtyrern verhießen Heilsgewinn, man war überzeugt, dass sie Wunder bewirken konnten. Heilige hatten nach gängiger Vorstellung eine zweifache Gegenwart: Ihre Seele befand sich schon im Himmlischen Jerusalem, ihre Leiber blieben bis zum Jüngsten Gericht auf Erden. Man betete zu ihnen, um bei Gott Gehör zu finden – Gräber galten als idealer Ort zur Kontaktaufnahme. Und so war es für die Gläubigen von Vorteil, wenn Märtyrergräber in ihrem Umfeld vorhanden waren bzw. gefunden worden waren; der Fachausdruck dafür lautet Märtyrerinvention. Städte ohne derlei Gegebenheiten mühten sich, Märtyrergebeine von anderswo herbeizuschaffen, zu transferieren, das waren die Märtyrertranslationen. Man konnte sich notfalls auch damit behelfen, Anteile von Märtyrerreliquien zu erbitten – und sei es durch Teilung der Reliquien.
In Köln war beides praktiziert worden, der Erwerb von Reliquien wie die Suche nach Gräbern. So überführte der fränkische Große Pippin Ende des 7. Jahrhunderts die Gebeine der Ewalde, zweier angelsächsischer Missionare namens Ewald, die von Sachsen oder Friesen massakriert worden waren, in die Kirche St. Kunibert. Erzbischof Bruno war ein notorischer Reliquiensammler – er brachte im 10. Jahrhundert den Stab und die Kette Petri aus Rom an den Rhein, darüber hinaus »die Gebeine der hochberühmten Märtyrer Patroklus, Eliphius und Gregorius und die kostbaren Reliquien des Christophorus und des Pantaleon«, so sein Biograf.
Das 12. Jahrhundert markiert sozusagen den Höhepunkt der Kölner Reliquienver(m)ehrung. Die bedeutendsten Reliquien der Stadt, die der Heiligen Drei Könige, wurden 1164 von Erzbischof Rainald von Dassel aus Mailand nach Köln überführt. Es handelte sich um eine »translatio« (Überführung) – so wird der Vorgang vornehm umschrieben; man kann ihn auch als Raub bezeichnen, mit einem guten Ende allerdings: »Von jener Zeit an begann Köln zuzunehmen an Ruhm, sodass bis heute, angezogen vom Duft der Heiligen Könige, von den Inseln des Meeres und aus verschiedenen Ländern die Gläubigen unaufhörlich zusammenströmen, um hier ihre Gelübde zu erfüllen«, schrieb um 1250 ein Chronist. Und nicht zuletzt wurde der gotische Dom geplant, um dem kostbaren Dreikönigenschrein eine würdige Heimstatt zu geben. Dort, so merkte ein Karmelit im 14. Jahrhundert an, sollten »die Heiligen Drei Könige nun rasten und ruhen bis zum Jüngsten Tag«.
Es ist aber die Legende der heiligen Ursula, die am deutlichsten zeigt, auf welchen Vorstellungselementen die mittelalterliche Reliquienverehrung aufbaute – und wie nach und nach verschiedene Überlieferungsstränge zusammengefügt wurden. Ihr historischer Rahmen ist der Einfall der Hunnen ins römische Gallien im Jahre 451. Von den Römern geschlagen, zogen sie sich unter König Attila wieder nach Ungarn zurück – dieses Ereignis wurde wiederum mit »heiligen Jungfrauen« in Verbindung gebracht, die vor der Stadt ihr Martyrium erlitten haben sollen; im Bereich der Kölner Römermauer war wahrscheinlich schon im 4. Jahrhundert eine Kirche errichtet worden, die namentlich nicht genannten Märtyrerinnen geweiht war – sie hieß damals noch »zu den heiligen Jungfrauen«. Bis ins 10. Jahrhundert ist in verschiedenen Quellen zumeist von elf Jungfrauen die Rede. Aus dieser Zeit stammt auch die erste niedergeschriebene Fassung der Legende, die »passio Ursulae«; in der heißt es, die Hunnen hätten Köln belagert und dabei die Jungfrauen umgebracht: Als Anführerin der Gruppe wurde erstmals die britannische Königstochter Ursula erwähnt; ihr und ihren zehn Begleiterinnen seien wiederum jeweils 1000 Jungfrauen gefolgt.
Als man dann im Jahr 1106 beim Bau der ersten mittelalterlichen Stadtmauer Kölns in der Nähe der Kirche ein Gräberfeld entdeckte, setzte ein wahres Reliquienfieber ein; da man neben den Knochen zahlreicher Frauen auch die von Männern und Kindern fand, wurde die Legende ein zweites Mal umgestaltet. Auf Bitten des Deutzer Abtes bestätigte die Seherin Elisabeth von Schönau, dass auch Männer, darunter Bischöfe, sowie Kinder sich den Jungfrauen angeschlossen hätten, um mit ihnen das Martyrium zu erleiden. Die Mönche des Klosters Deutz beteiligten sich an der wundersamen Reliquienvermehrung, sie »deuteten« die gefundenen Überreste und versahen sie mit Namensschildchen (tituli). Die große Zahl von 11000 Jungfrauen wurde für die Kölner*innen nun glaubhaft – weil der »ager Ursulanus«, sprich: der römische Friedhof, bei immer wieder durchgeführten Grabungen Tausende von Skeletten »lieferte«. Es war der Beginn einer intensiven Ursulaverehrung, die sich über das gesamte Abendland verbreiten sollte.
Die Vielzahl heiliger Gebeine, »heiliger Körper«, die Köln besaß, beeindruckte zahlreiche Besucher*innen. Einem böhmischen Pilger erklärte man 1465/66 in St. Ursula, mit den 11000 Jungfrauen seien noch weitere 36 000 Menschen am Platz der Kirche umgebracht worden. Die war inzwischen zu einer dreischiffigen Basilika ausgebaut worden und wandelte sich im Laufe der Zeit zu einem einzigen großen Beinhaus (ossua rium); die aufgefundenen Gebeine wurden in zahl reichen Steinsärgen aufbewahrt, andere in den Nischen des Chores untergebracht. Für die heilige Ursula und ihren Bräutigam Aetherius wurden im 12. Jahrhundert prächtige Schreine gefertigt. Daneben füllte man Kästen mit Gebeinen und Schädeln, andere wurden in Reliquiaren, Behältern, ausgestellt, vor allem in Form von Reliquienbüsten. Schon im Spätmittelalter gab es eine »Goldene Kammer«, die 1643/44 durch eine gleichnamige Kammer ersetzt werden sollte, die noch heute die Sehenswürdigkeit der Kirche ist. Nicht unerwähnt darf bleiben, dass die Kölner Kunsthandwerker im gesamten Spätmittelalter mit der Fertigung kostbarer Reliquiare und Reliquienbüsten erhebliche Einnahmen erzielten.
Die Heiligen Drei Könige, die heilige Ursula und ihre Begleiterinnen, der heilige Gereon und seine Gefährten von der Thebaischen Legion, die am Standort der Kirche St. Gereon den Märtyrertod erlitten haben sollen: Sie standen im Spätmittelalter ganz vorn in der Reihe der Stadtpatron*innen, wie Stefan Lochners Dombild eindrucksvoll belegt. Es ist aber festzuhalten, dass Reliquien jeglicher Art in sämtlichen Stifts-, Kloster- und Pfarrkirchen Kölns gezeigt wurden. Den ersten Rang nahmen Christus- und Marienreliquien ein; die wirkmächtigsten waren Splitter vom Heiligen Kreuz. Einer davon befand sich im Dominikanerkloster in der Stolkgasse; König Ludwig der Heilige hatte die Reliquie dem Ordenslehrer Albertus Magnus geschenkt. Auch »wunderliche Reliquien« wurden verehrt: die blaue Tunika des Christkindes im Kloster der Weißen Frauen, Scherben der Weinkrüge aus Kana in St. Ursula, Brotreste der Speisung der Fünftausend in St. Gereon; und St. Pantaleon verfügte über Teile vom Schwangerschaftsgewand der Gottesmutter.
Die Gläubigen sahen in all diesen Überresten wundertätige Hilfen für die Beschwernisse des Lebens. Am Ende des Mittelalters war für jede Notlage oder Krankheit ein bestimmter Heiliger oder eine bestimmte Heilige zuständig, Berufsgruppen suchten sich Schutzheilige aus der großen Heiligenschar aus – und heute noch ist St. Margareta die Schutzpatronin der Gebärenden, St. Florian der Schutzherr der Feuerwehr, St. Christophorus der der Reisenden bzw. der Autofahrer*innen. Auch nach der Reformation galten den Kölner* innen, die am katholischen Glauben festhielten, »ihre« Heiligen und deren Reliquien als größter Schatz. Doch mit dem im 17. Jahrhundert einsetzenden Niedergang der Stadt litt auch ihr Ruf. Der französische Reisende Claude Joly, selbst Katholik, machte sich 1647 über die »sancta Colonia« lustig: »Die Kirchen sind so zahlreich, dass beinahe eine auf der anderen sitzt. Die meisten stecken voller Reliquien – aber ich bezweifele, dass die alle echt sind.«