Wir sitzen im Innenhof des MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln. Jabbar Abdullah hat den Ort für unser Gespräch ausgewählt, weil er so friedlich im Trubel der Innenstadt liege. Die Sonne scheint, an den Tischen neben uns Museumsbesucher*innen, Tourist*innen und Geschäftsleute, die ihre Mittagspause genießen. Eine merkwürdige, fast widersprüchliche Atmosphäre baut sich im Laufe des Gespräches auf: Von den Nebentischen herübergewehte Wortfetzen von Urlaubsreisen, begleitet von Lachen, mischen sich mit Jabbar Abdullahs Fluchtberichten, -erlebnissen und Ängsten.
Seit Februar 2016 arbeitet der studierte Archäologe im Ausgrabungs- und Restaurierungsbereich (Stein und Wandmalerei) des Römisch-Germanischen Museums (RGM). Derzeit auch auf der Ausgrabung der Baustelle des Dom-Hotels. Für jemanden, der inmitten von Ruinen des römischen Weltreiches aufwächst, scheint der Weg in die Archäologie naheliegend. Sein Elternhaus grenzt direkt an einen alten römischen Friedhof. Die Nutzung durch die Römer war es, die seinem Heimatort später ihren Namen gab, bedeutet Al Hammam im Arabischen doch so viel wie Bad. Bereits als Schüler arbeitet Jabbar Abdullah als Grabungshelfer bei Grabungsunternehmungen. »Schon als ich 13 Jahre alt war, hat das Nationalmuseum Damaskus in Al Hammam, das auf den Ruinen der römischen Stadt Sura steht, Ausgrabungen gemacht. Ich habe mich sofort als Helfer gemeldet. Mit der Zeit hat mich die Sache interessiert, und als ich mein Abi hatte und merkte, dass es für die Aufnahme zum Archäologiestudium ausreichen würde, habe ich mich 2007 für das Studium an der Universität von Aleppo angemeldet.« Hier, an einer der größten Universitäten Syriens, deren Mauern mit Freiheitsparolen besprüht sind, erlebt er bald hautnah die Gewalt, mit der das autoritäre Assad-Regime gegen die Protestbewegung vorgeht. Er reiht sich ein, wird Teil der Opposition, erlebt die Demonstrationszüge, die durch Aleppo, Homs oder Raqqa ziehen. Hoffnung auf einen Aufbruch in bessere Zeiten keimt auf. Von Tag zu Tag werden es mehr, die sich der Bewegung anschließen – aber auch die Zahl der Toten steigt. »Es geht nur um die Freiheit«, antwortet er auf die Frage, ob er nicht Angst gehabt habe, selbst Opfer der Gewalt zu werden.
»Schon als ich 13 Jahre alt war, hat das Nationalmuseum Damaskus in Al Hammam, das auf den Ruinen der römischen Stadt Sura steht, Ausgrabungen gemacht. Ich habe mich sofort als Helfer gemeldet. Mit der Zeit hat mich die Sache interessiert, und als ich mein Abi hatte und merkte, dass es für die Aufnahme zum Archäologiestudium ausreichen würde, habe ich mich 2007 für das Studium an der Universität von Aleppo angemeldet.«
Mit Spraydosen gegen das Regime
Zwar zieht es ihn nach seinem Bachelorstudium Mitte 2012 zurück nach Al Hammam, doch lässt ihn die Revolution nicht mehr los. »In Raqqa waren auch ab und zu Demos, aber hier daran teilzunehmen war unglaublich schwierig; weil die Geheimdienste überall präsent waren und Raqqa unheimlich klein ist, hast du keine Chance, unerkannt zu bleiben.« Eines Nachts schmiedet er einen Plan, mit dem die Revolution direkt in sein Dorf gebracht werden soll. Er will ein Statement gegen das Regime setzen. Also besorgt er Spraydosen und zieht Freunde ins Vertrauen, mit denen er im Schutz der Dunkelheit die öffentlichen Gebäude des Dorfes mit Parolen besprüht. An die Schule, das Gebäude der Baath-Partei und die Außenmauer der Moschee sprühen sie Parolen wie »Assad ist kriminell«, »Assad ermordet Kinder in Daraa« oder »Freiheit für das Leben«. Trotz eines ausgeklügelten Plans und der Entsorgung der Spraydosen wird man auf die Gruppe aufmerksam. Jabbar Abdullahs Mutter wird von der Geheimpolizei verhört, eine Liste mit den Namen von zehn mutmaßlichen Tätern kursiert, darunter auch seiner. Gefängnis, wenn nicht gar Schlimmeres droht. Jabbar Abdullah taucht ab und entschließt sich, am Silvesterabend 2012 das Land zu verlassen. Aus der Ferne wird er miterleben, wie der IS die Stadt Raqqa einnimmt und zur Hauptstadt macht, seine Eltern in den Libanon fliehen und das leerstehende Haus vom IS besetzt und schließlich vom Regime bombardiert wird. Die Stadt selbst erinnert an das zerstörte Köln am Ende des Zweiten Weltkriegs.
»In Raqqa waren auch ab und zu Demos, aber hier daran teilzunehmen war unglaublich schwierig; weil die Geheimdienste überall präsent waren und Raqqa unheimlich klein ist, hast du keine Chance, unerkannt zu bleiben.«
Angekommen, doch nicht am Ziel
Über das zentrale Aufnahmelager in Dortmund kommt Jabbar Abdullah 2014 nach Köln. Ein Jahr lebt er in verschiedenen Kölner Unterkünften für Geflüchtete, dann zieht er in seine erste eigene Wohnung – er ist angekommen. Fast fühlt er sich auch schon heimisch, dabei geholfen hat ihm der Rhein: »Ich habe begonnen, die Stadt zu lieben, insbesondere als ich zufällig den Rhein entdeckte. Ich war überrascht, hier die beiden Ufer zu sehen. Die kleinen Wellen sehen genauso aus wie am Euphrat, und auch die Brücken erinnern mich an den Fluss meiner Heimatstadt. Ich mag Köln. Ich bin am Euphrat. Ich bin am Rhein. Ich mische mich mit ihm. Ich lebe hier und will hier wie alle anderen weiterleben«, schreibt er in seinem bald erscheinenden Buch. Doch es gibt auch Momente wie diese: Als er am Helenenturm, einem Teil der römischen Stadtmauer in der Nähe des Römerturmes, allein Ausbesserungsarbeiten vornehmen soll, bei denen er Mundschutz und Handschuhe tragen muss, wird er von Polizisten angesprochen. Eine Anwohnerin hatte seine Arbeit beobachtet und die Polizei alarmiert – sie befürchtete einen Terroranschlag auf das Bauwerk.
»Das Kuratieren von Ausstellungen hat mich schon immer fasziniert und bereitet mir große Freude – hier sehe ich meine Zukunft.«
Derzeit pendelt Jabbar Abdullah häufig nach Bamberg. Hier studiert er an der Otto-Friedrich-Universität Islamische Kunstgeschichte und Archäologie. Er möchte zukünftig noch Museologie studieren: »Das Kuratieren von Ausstellungen hat mich schon immer fasziniert und bereitet mir große Freude – hier sehe ich meine Zukunft.« Seit 2015 betreut er das Projekt »Literatur aus Syrien«, in dem in Deutschland lebende syrische Schriftsteller*innen ihre Texte präsentieren können, und kuratiert die Ausstellungsreihe »Kunst aus Syrien« (www.syrien-kunst-flucht.de), die auch in anderen Städten zu sehen sein wird. Am 17. März 2017 gründet er zusammen mit deutschen Kulturschaffenden den Verein 17_3_17 (www.17-3-17.org), der mit Ausstellungen, Konzerten und Lesungen den Austausch zwischen syrischer und deutscher Kultur fördern möchte. Jüngst gab die viel beachtete Fotoausstellung »Mein Aleppo – 5000 Jahre Stadtkultur« in der Alten Feuerwache in Köln den Blick frei auf die Geschichte einer Stadt, die heute in Trümmern liegt.
Seine Geschichte erscheint unter dem Titel »Raqqa am Rhein« beim Bremer Sujet Verlag. Er beschreibt sein Leben in Al Hammam, eine unbeschwerte Kindheit und Jugend, die am Morgen des Aufbruches mit einem letzten gemeinsamen Frühstück mit seiner Mutter endet und der eine jahrelange Reise folgt. »Am Anfang wollte ich meine Geschichte erzählen. Für mich ist das aber nicht mehr nur persönliche Geschichte, sondern eine Situation, die Millionen von Menschen betroffen hat, und das muss man erzählen – das ist menschlich. Es war mir wichtig, das politische System von Syrien aus meiner Sicht zu beschreiben, das, was ich erlebt habe, unsere Gesellschaft zu beschreiben, damit die Leute uns verstehen und sehen, was wir für Menschen sind.«
Anfang 2019 kehren Jabbar Abdullahs Eltern zurück nach Syrien. »Jetzt haben wir das Haus in Al Hammam renoviert.« Den Notizblock und seinen Kugelschreiber schenkt Jabbar Abdullah 2017 gemeinsam mit einer Hose, die er während der Flucht trug, dem Kölnischen Stadtmuseum. Sie sind nun Zeugnisse einer Odyssee zwischen Angst und Hoffnung.