Jedes Bild ein kleines Wunder

Warum das Medium Fotografie bis heute fasziniert

Die Fotografie feierte jüngst ihren 180. Geburtstag. Am 19. August 1839 wurde sie von Louis Daguerre und der Französischen Akademie der Wissenschaften in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt. Und obwohl die Fotografie seitdem zahlreiche Veränderungen und Weiterentwicklungen erlebt hat, obwohl sie längst zum Massenphänomen herangewachsen ist und eine Bilderflut ausgelöst hat: Von ihrer Faszination hat sie nichts eingebüßt. Ganz im Gegenteil – für viele grenzt die Fotografie bis heute an ein Wunder. Denn sie ermöglicht uns, Dinge, Menschen und Situationen festzuhalten und sie örtlich wie zeitlich miteinander zu teilen – über Jahrzehnte genauso hin weg wie über Kontinente. Jede Fotografie ist eine winzige Zeitkapsel – und direkt nach der Belichtung schon Vergangenheit. Sie ist konservierte Geschichte und erinnert uns zugleich an die eigene Vergänglichkeit.

Vergrößerung/Belichtung des Negativs 711 731 von K. H. Schmölz

Vergrößerung/Belichtung des Negativs 711 731 von K. H. Schmölz, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln, Anna C. Wagner, rba_d029727_07

Jede Anhäufung von Fotografien, egal ob analog oder digital und egal ob im alten Fotoalbum oder als Stream auf Instagram, in der Tageszeitung oder in alten Archiven, ähnelt dabei kleinen Wunderkammern, wie man sie aus der Zeit der Spätrenaissance und aus dem Barock kennt. Es waren Sammlungen aus der Frühphase der Museumsgeschichte im 17. Jahrhundert, und in ihnen wurden Objekte gemeinsam präsentiert, die überhaupt nichts miteinander zu tun hatten. Egal ob Naturalien oder Artefakte, Kunst oder Handwerk, alles stand gleichberechtigt nebeneinander: Tierpräparate neben Goldschmiedearbeiten, Muscheln neben Elfenbeinschnitzereien, Spielautomaten neben Gemälden. Es war das »Zeitalter des Staunens«, und die Wunder der Welt versammelten sich in einem Raum. 

Mit der Fotografie macht man eigentlich nichts anderes: Diese Camera obscura, wie die ersten Lochkameras genannt wurden, ermöglicht das gleichberechtigte, demokratische Darstellen der unterschiedlichsten Ereignisse und Gegenstände – die Kindergeburtstagsparty genauso wie ferne Galaxien, Werbung genauso wie Kunst, Leben wie Tod, Krieg neben Liebe. Fotografie macht Unsichtbares erst sichtbar. Und Sichtbares macht sie uns erst bewusst. Mit der Fotografie kann etwas bewiesen oder widerlegt, aber auch genauso gut manipuliert werden. Die Fotografie ist so bunt und vielseitig, wie es damals die Wunderkammern waren, und zeigt Banales neben Besonderem. Vor allem aber: Die Fotografie bringt uns bis heute zum Staunen, sie weckt unsere Erinnerungen, und sie weckt unsere Sehnsüchte.

Natürlich hat der tagtägliche Gebrauch der Digitalfotografie seine Spuren hinterlassen, und auch wenn das einzelne Foto vielleicht an Wert verloren hat – die Fotografie an sich ist in ihrer Bedeutung noch einmal massiv aufgewertet worden: Heute werden in jeder Minute mehr Fotos geschossen als im gesamten 19. Jahrhundert, und es gibt kaum eine technische oder gesellschaftliche Entwicklung, die sie nicht beeinflusst.

Was durch die Digitalisierung allerdings ebenfalls stattgefunden hat, ist eine Art Entfremdung: Kaum ein Mensch begreift heute noch, wie ein Foto eigentlich entsteht – ein Großteil der nachwachsenden Generation weiß noch nicht einmal mehr, was ein analoges Foto eigentlich ist. Und den ganz Kleinen, die das Wischen und Zoomen auf den Smartphone-Displays mit der Muttermilch aufgesogen haben, ist es häufig noch nicht einmal begreiflich zu machen, dass es überhaupt jemals eine andere Fotografie als die digitale gegeben hat. Und auch heute noch gibt.

So habe ich erst kürzlich mit meiner alten, analogen Nikon meinen sechsjährigen Neffen fotografiert. Ich spulte den Kleinbildfilm zurück und holte ihn aus der Kamera heraus. Als mein Neffe die Fotos sehen wollte, drückte ich ihm die Filmpatrone in die Hand und sagte: »Die sind da noch drin. Ich muss den Film erst entwickeln, dann kannst du sie sehen.« Er hielt sich die Spulenöffnung skeptisch vor sein Auge, schaute angestrengt hinein, stellte nach wenigen Sekunden überzeugt fest: »Da sind gar keine Fotos drin« – und verlor das Interesse.

Vielleicht lag es am Alter meines Neffen, dass er nicht sofort in Begeisterung ausbrach oder zumindest neugierig wurde. Vielleicht aber auch an meiner mangelhaften Erklärung, denn wenn Jugendliche zum ersten Mal in einer Dunkelkammer eigenständig ein Foto entwickeln, beginnen ihre Augen zu funkeln. Diese Erfahrung hat jüngst Johanna Gummlich gemacht. Die Leiterin des Rheinischen Bildarchivs Köln mit rund 5,4 Millionen Fotografien bot während des Photoszene-Festivals Schüler*innenworkshops mit vier Stationen an – u. a. im Positivarchiv und in der Dunkelkammer des Hauses, wo die 16- und 17-Jährigen ihre ersten eigenen Abzüge von Negativen machen konnten. Die Begeisterung der Jugendlichen war dermaßen groß, dass sie kaum zu bremsen waren. »Diese Erfahrung hat ein ganz neues Bewusstsein bei uns ausgelöst«, sagt Gummlich, und ihr war klar, dass sie ihr Angebot im Bereich der Archivpädagogik komplett neu denken und vor allem ausbauen muss. »Für viele ist die Fotografie noch immer ein Wunder. Und Wunder können Begeisterung und Interesse auslösen.« Ein neues Führungs- und Workshop-Angebot soll aber nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch angehende Archivar*innen und Wissenschaftler*innen sensibilisieren, so Gummlich. »Fast jedes Archiv hat auch Fotografien, oft neben Schriftstücken, in Fotoalben, Ausweisen und in unterschiedlichen Formaten, beispielsweise als Negative oder Abzüge. Oft ist unklar, wie damit sinnvoll umgegangen werden sollte.«

Gerade in der jüngeren Generation ist das Interesse am Analogen in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Der Schallplattenspieler gehört längst zur Standardausrüstung bei Musikfans und Hipstern zugleich, und Walkmans werden wieder genutzt, aber eben auch alte Kameras und Fototechniken erleben eine Renaissance: Die Spiegelreflex aus den 1970er-Jahren ist der Anfang, oft folgt darauf der Schritt in die Dunkelkammer; und wer davon nicht genug hat, stellt seine Chemikalien und Kollodium-Nassplatten selbst her, um wie im Jahr 1870 zu fotografieren. Entscheidend ist in meinen Augen dabei vor allem, dass die Generation Z, also die zwischen 1997 und 2012 Geborenen, sich für die analoge Fotografie begeistert, obwohl sie gar nicht mit ihr aufgewachsen ist. Ende der 1990er-Jahre begann der Siegeszug der Digitalfotografie. Somit wurden ihre Einschulungsfotos bereits mit schlechten 4-Mega pixel-Kameras aufgenommen und die Abiturfeier mit der neuesten spiegellosen Systemkamera – oder vielleicht sogar nur noch mit dem Smartphone. Eventuell haben sie auf einer Familienfeier schon einmal eine Polaroid- oder eine Einwegkamera in die Hand gedrückt bekommen – ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Im Grunde ist für sie die analoge Fotografie genauso eine Entdeckung wie für die Pioniere des 19. Jahrhunderts – und sie übt exakt den gleichen Reiz auf sie aus wie damals.

Und genau deshalb ist es auch mehr als bloß eine temporäre Reaktion der Jugend auf unser digitales und virtuelles Zeitalter, um sich von der Elterngeneration abzugrenzen. Der Wunsch nach Authentizität, wie sie speziell der analogen Fotografie anhaftet, ist generationenübergreifend. Das sieht man am Revival der Sofortbildkamera, die aktuell die höchste Zuwachsrate auf dem deutschen Fotografiemarkt überhaupt hat, und an der zunehmenden Beliebtheit alter Fotoautomaten, wie einer jüngst auf dem Ebertplatz errichtet wurde: Für drei Euro bekommt man einen echten Fotostreifen mit vier Bildern – in Schwarzweiß und ohne Instagram-Filter, dafür als Unikat mit hohem emotionalem Wert. Und wahrscheinlich ist es genau das, was die Begeisterung ausmacht: die Authentizität des unveränderten und ungeschönten Augenblicks, gepaart mit der Sentimentalität für das Vergängliche und der Faszination für die schlichte Technik. Denn natürlich ist die Fotografie chemisch und physikalisch schnell erklärt – und dennoch bleibt sie immer auch ein kleines Wunder.

Text: Damian Zimmermann

Damian Zimmermann, Jahrgang 1976, ist freier Journalist, Kunstkritiker, Fotograf, Blogger, Kurator und Teil der Internationalen Photoszene Köln, die Deutschlands ältestes Fotografiefestival veranstaltet.