Bilder als Platzhalter für Heilige
Vergleichbare Züge nahm im Mittelalter die Heiligenverehrung an; bis in die Neuzeit hinein war ein Heiligenbild nicht Kunstwerk allein, sondern eine Art Heiligenersatz, sprich: Im Volksglauben konnte das Bild selbst Wunder bewirken. Verehrt wurden zudem sogenannte Reliquien – persönliche Gegenstände der Heiligen oder Körperteile wie Knochen. Für Köln hatte die Reliquienverehrung äußerst positive Auswirkungen. So bescherte die Legende von der heiligen Ursula der Stadt großen Reichtum – und zwar durch den Handel mit Reliquien der angeblich 11000 Märtyrerinnen, die zusammen mit der späteren Stadtpatronin von den Hunnen gemeuchelt worden waren. Seitens der Kirche war ein solcher Handel zwar streng verboten, trotzdem sind Ende des 14. Jahrhunderts mehr als 12 000 der Skelette im Umlauf – Köln kann also auf durchaus reale Erfahrungen mit Wundern zurückgreifen.
Wunsch und Wunder – enge Verwandte
Als Wunder bezeichnen wir nicht nur Ereignisse und Phänomene, die sich mit dem Verstand nicht erklären lassen. Es geht auch um jene Wünsche, die wir uns selbst nicht erfüllen können. Spontane Heilung von Krankheiten gehört ebenso dazu wie auch Liebeswünsche oder das Bannen von Dämonen, die uns quälen. Etymologisch ist das Wort »Wunder« sogar eng verwandt mit dem »Wunsch«.
Woher aber weiß das Wunder, dass es den Wunsch gibt? Als Vermittler*innen fungieren Glücksbot*innen, Heilige, Fürsprecher*innen. Sie sind das Bindeglied zwischen Menschen und ihren Göttern, Geistern und Ahn*innen, stets parteiisch für die Sache der Lebenden. Wie die Halbgötter der Griechen zahlen auch die Heiligen fast aller Religionen einen hohen Preis: Auf sie warten oft Marter, Leiden und Tod. Viele vollbringen die Wunder schon zu Lebzeiten, von ihrem irdischen Körper ausgehend oder von Dingen, mit denen sie in Berührung kamen. In Köln erzählte man sich beispielsweise von einem Bürger, auf dessen Körper »Ave Maria« geschrieben war, da er »diesen Gruß beim Auf-und-ab-Gehen betete«. Entsprechend zeigte sich die Schrift an seinen Füßen und um die Knie. Aber auch das Gegenteil kann eintreten, ist der Glaube nur stark genug. So wird von einer frommen Bierbrauerin an St. Aposteln berichtet, deren Haus bei einem verheerenden Brand als einziges verschont blieb, weil sie während der Katastrophe inbrünstig zu den Aposteln betete.
Ikonen des 21. Jahrhunderts
Heute warten wir nicht mehr auf ein Wunder. Wenn wir etwas haben wollen, bestellen wir es. Und das funktioniert! Moderne Fürsprecher*innen heißen Alexa oder Siri und kommunizieren weniger über ihren guten Draht »nach oben« als mittels digitaler Vernetzung mit Pizzaboten, elektrischen Jalousien, intelligenten Kühlschränken. Statt göttlicher Hilfe bei schweren Krankheiten rufen wir die 112 oder lassen Siri ein Medikament in der Online-Apotheke bestellen. Was sicherlich – vor allem in schwerwiegenden Fällen – die bessere Wahl ist.
Doch so pragmatisch lassen sich auch im 21. Jahrhundert die drängendsten Probleme nicht lösen. Mit zunehmender Hilflosigkeit über den Zustand der Welt scheint unser Bedarf an Wundern nicht wirklich passé – und auch nicht an jenen, die sie vollbringen. Die offenbar über Handlungsressourcen und Visionen verfügen, die uns fehlen, um das zu tun, was dringend getan werden muss: Ertrinkende aus dem Mittelmeer retten, kompromisslos für den Klimawandel einstehen, für die Rechte von Mädchen und Frauen kämpfen! Dass auch die zeitgenössische Kunst an Ikonen interessiert ist, zeigt ein Kunstwerk des italienischen Graffiti-Malers TvBoy. Im August sprayte er das Konterfei von Carola Rackete, der unerschrockenen Sea-Watch-Kapitänin, an eine Hauswand auf Sizilien: In Gestalt der heiligen Mutter Maria hält sie ein Flüchtlingskind in den Armen.
Heiliger Sebastian, 1519, Hans Schäufelin (aus der Ausstellung »Wir. Glauben. Kunst«, WRM), Foto: Ulrike Anna Bleier
Blumenklappbild mit Heiliger Familie, 2. Hälfte 18. Jh., Museum Schnütgen, Köln, Rheinisches Bildarchiv Köln, rba_c024337