Bergkristall

Ein Material für (fast) alle Sinne

 

Ein Stück Bergkristall liegt aufgrund seiner hohen Dichte schwer in der Hand. Als guter Wärmeleiter fühlt er sich beim ersten Berühren kälter an als Glas. Er schmeckt nach nichts, soll aber in einer mit Trinkwasser gefüllten Karaffe positive und heilende Energien entfalten. In seiner besten kristallinen Form ist er von wasserklarer Transparenz (Abb. rechts oben). Aber auch Einschlüsse und Trübungen kommen vor, je nachdem wie gut die Entstehungsbedingungen tief im Inneren der Berge waren, ob genug Druck und vor allem Zeit zum Wachstum war.

Magischer Gürtel (Detail)

Magischer Gürtel (Detail), Spanien, 17. Jh., Museum Schnütgen, Köln

Unterschiedliche Schliff- und Bearbeitungstechniken lassen einen Bergkristall wie einen Diamanten funkeln, können aus ihm eine perfekte Lupe, aber auch ein Instrument der optischen Täuschung machen. Im Zusammenspiel mit Licht entfaltet der Bergkristall seine besonderen Qualitäten: Es wird gebrochen, reflektiert und gefangen im Kristall. Die bis in die Anfänge der Menschheitsgeschichte zurückreichende Interaktion zwischen dem Mineral Bergkristall und dem Menschen ist geprägt durch ein breites Spektrum sinnlicher und – aufgrund der ihm zugeschriebenen  magischen und göttlichen Eigenschaften – übersinnlicher Erfahrungen. Das zeigt der Blick auf eine Auswahl von Bergkristallobjekten, die in der Ausstellung im Museum Schnütgen zu sehen sind.

Seit der Antike schrieb man dem Bergkristall besondere übelabwehrende und heilende Kräfte zu. Nicht verwunderlich also, dass er häufig als Material für Amulette gewählt wurde, die am Körper getragen vor vielerlei Gefahren schützen sollten. Als besonders wirksam dürfte jenes kleine Amulett aus der Zeit um 1500 angesehen worden sein, das in Bergkristall die Feigenhand zeigt. Die an sich obszöne und beleidigende Geste, weil auf den Geschlechtsverkehr anspielend, galt im Spätmittelalter als mächtiges Abwehrmittel gegen Verfluchen, Verhexen und den Bösen Blick. Dass viele Ängste den Alltag dominierten, zeigt ein kleiner herzförmiger Bergkristallanhänger, der als sog. »Verschreistein« besonders werdende Mütter vor dem Erschrecken schützen sollte. Man glaubte, dass es dadurch zu Missbildungen am ungeborenen Kind kommen könne. Kühlkugeln aus Bergkristall, die man bei Hitze zur Erfrischung in den Händen hielt oder sie Kranken zur Senkung des Fiebers reichte, haben sich in einigen wenigen Exemplaren erhalten. Ab dem 14. Jahrhundert tauchen sie häufiger in den Besitzinventaren von Fürsten und Kirchen auf. An der Berliner Kühlkugel lässt sich gut erkennen, dass diese Objekte noble Accessoires hochrangiger Persönlichkeiten waren: Die fein geschliffene Kugel ist in Silber gefasst und wurde in einem kunstfertigen Lederetui verwahrt oder mit auf Reisen genommen. Vor dämonischen Bedrohungen, Krankheiten oder gar dem Tode sollte der ›magische‹ Gürtel bewahren, der von einer kastilischen Familie über Generationen gehütet und benutzt worden sein dürfte. Das im Grenzbereich zwischen christlichem Glauben und Aberglauben entstandene Utensil ist reich mit Münzen und Amuletten, darunter auch mehrfach die Feigenhand, bestückt. In der  Mitte hängt an einer Kette aus Rosenkranzperlen ein großer Kristallschädel. In ihm kommt der Gedanke des Memento mori (»Bedenke, dass Du sterben wirst!«) zum Ausdruck, dass auch die aus schwarzem Gagat gefertigten Wendehäupter des Rosenkranzes versinnbildlichen. Vermochte die Kälte des kristallenen Schädels bei der Berührung möglicherweise eine Vorahnung des Todes über die Sinneswahrnehmung zu vermitteln?

Die wichtigste Eigenschaft des Bergkristalls besteht zweifellos in seiner Transparenz. Ab dem 11. Jahrhundert gingen Bergkristall und Reliquie eine Allianz ein, die die gesamte mittelalterliche Kunstproduktion ganz wesentlich prägte: Lange bevor transparentes Glas hergestellt werden konnte, wurden aus Bergkristallen aufwendige Reliquiare in mannigfaltigen Formen hergestellt, die die kostbaren Überreste der Heiligen schützt und zugleich sichtbar machten. Im  Zusammenspiel mit Licht und Bewegung, beispielsweise bei Prozessionen und in der Liturgie, konnten die Reliquiare zu Lichtkörpern werden, die die himmlische Sphäre und die Kraft der Heiligen verkörperten und sinnhaft erfahrbar machten. Gleichsam als verlängerter Arm der Heiligen wurden bisweilen Armreliquiare zur Segensspende in der Liturgie oder zur Krankenheilung verwendet. Vorstellbar ist, dass bei dem Auflegen bzw. Berühren mit dem Armreliquiar der Kontakt an jener Stelle erfolgte, an der bei dem hier gezeigten Beispiel einst Reliquien unter dem flachen Bergkristall geborgen waren.

Manche Reliquiare, wie der Reliquienwagen aus Orléans, scheinen sich quasi aus der Form des Kristalls von innen heraus zu entwickeln. Ein großer, bauchiger Cabochon, der sich aus dem Fahrgestell nach unten wölbt, barg einst die Reliquien. Doch wie konnten die mittelalterlichen Gläubigen sie sehen? War der kleine Wagen manchmal über dem Altar aufgehängt oder blickte man über die flachen Dachfenster in das Innere? Vieles spricht dafür, dass gerade diese großen Cabochons, von denen sich nur insgesamt sechs erhalten haben, in der Kölner Bergkristallschleiferei hergestellt wurden, die vor einigen Jahren wurden bei Grabungen im Kölner Dombezirk als sensationeller Zufallsfund zutage trat. Dass ein solch großer Cabochon vergrößernd wirkt und von den Künstlern bewusst zur Inszenierung auch von Malereien eingesetzt wurde, zeigt das Beispiel aus Kopenhagen.

Ganz anders hingegen verhält es sich bei den drei runden, linsenförmig geschliffenen Bergkristallen am Barbarareliquiar aus St. Ursula in Köln (Abb. Seite 12). Die umrahmenden Engelsfiguren, die die Kristalle wie kostbare Edelsteine präsentieren, laden zum Durchblick ein. Doch der Blick auf das Innere wird verzerrt und ist nur in der optischen Achse möglich, wo dann das Gesehene auf dem Kopf steht. Nur die an der vierten Seite des Reliquiars angebrachte Bergkristallplatte erlaubt die ungehinderte Sicht auf die Reliquien. Beim Blick in eine nicht vollkommen transparente Bergkristallkugel mag man ins Grübeln kommen – in einer Zeit, in der digitale gezoomte Bilder scheinbar alles möglich machen, jedes Detail visuell enthüllt werden kann. Welchen Sinn haben die ständige Sichtbarkeit und die Sichtbarmachung von Inhalten jedweder Art?

Dr. Manuela Beer ist stellvertretende Direktorin des Museum Schnütgen. Schwerpunkte ihrer Forschung sind die mittelalterlichen Bildkünste bis 1400 – darunter insbesondere Bergkristallobjekte, Elfenbeinarbeiten und Holzskulpturen – sowie die Sammlungsstruktur und -geschichte des Kölner Museums. Beer, die bereits seit 2001 am Hause tätig ist, hat zudem einen Lehrauftrag am Bonner Institut für Kunstgeschichte.