Ein Auge für Stoffe

Die Modefotografin Walde Huth

»Gschwind, gschwind« war ihr tägliches Credo, und wir Lehrlinge hatten alles möglichst schnell zu erledigen. Walde – eigentlich Waldberta, von ihrem Mann Karl Hugo Schmölz meist Waldine gerufen – Huth war unermüdlich in Bewegung und oft hektisch. Ruhig wurde sie nur, wenn sie direkt neben der Kamera stand, ein fertiges Bild vor Augen hatte und die Models entsprechend dirigierte. Anstrengend wurde es dann für die, die auf der anderen Seite neben der Kamera standen und für die richtigen Einstellungen an Objektiv und Blitzanlage zu sorgen hatten.

Aber auch diese Momente gingen »gschwind« vorbei, und bei späteren Serien verordnete sie sich eine geradezu meditative Ruhe. Dann nahm sie vereiste Pfützen, wehende Gardinen und verlassene Baustellen auf – ganz allein.

Porträt von Walde Huth im Sitzen

Fritz Kempe, Walde Huth, Museum Ludwig, Köln

Walde Huth, 1923 in Stuttgart geboren, ist in Esslingen aufgewachsen, wo ihr Vater als Ingenieur arbeitete. Ihre Ausbildung als Fotografin erhielt sie in Weimar an der Staatlichen Hochschule für Baukunst, bildende Künste und Handwerk. Die Fotoklasse wurde geleitet von Walter Hege, der Abschluss war ein Gesellenbrief. Die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs arbeitete Walde Huth für die Filmfabrik Wolfen, gelegentlich auch als Standfotografin großer Farbfilme. Die junge Fotografin kehrte zur Familie nach Esslingen zurück, arbeitete in der Esslinger Maschinenfabrik als Industriefotografin und wurde ab dem Sommer 1945 von der französischen Besatzungsmacht beauftragt, Esslinger Bürger*innen und Flüchtlinge mit Passbildern für Kennkarten auszustatten. Gleichzeitig begann sie, sich dem Theater zuzuwenden, zu dem sie schon aus Kindertagen eine große Affinität hatte. So entstanden neben szenischen Bildern auch Porträts wie das des Tänzers Harald Kreutzberg, eines ihrer berühmtesten Bilder.

Ab 1948 firmierte sie mit einem eigenen Atelier in Esslingen, das sie 1953 für kurze Zeit nach Stuttgart verlegte. Die kulturverbundenen französischen Besatzungsadministrationen ermöglichten ihr schon 1949 erste Reisen nach Paris, wo sie sich unverzüglich im Umfeld der Haute Couture zu tummeln begann. Schnell entstehen die charmanten und eleganten Aufnahmen, für die sie bis heute berühmt ist: Kleiderkreationen von Jacques Fath und anderen Modeschöpfern, nahezu fühlbar und fast immer im Freien vor berühmten Pariser Motiven fotografiert, damit die kaufkräftige südwestdeutsche Kundschaft von den neuen Stoffen und Modetrends verführt wird und weiß, wo sie herkommen. Einige dieser Bilder wie auch ihrer Porträts kann sie bereits 1950 – wohl von ihrem Lehrer Walter Hege angeregt – der berühmten Gesellschaft Deutscher Lichtbildner (GDL) vorlegen und wird alsbald in diesen Eliteverband der Berufsfotograf*innen aufgenommen.

Leiter der Aufnahmekommission der GDL war über zwei Jahrzehnte lang der Kölner Architekturfotograf Karl Hugo Schmölz – und die beiden taten sich schnell zusammen: 1956 wurde geheiratet, 1958 das gemeinsame Atelierhaus am Kölner Südpark bezogen und die Fotowerkstatt schmölz + huth (in damals modischer Kleinschreibung) gegründet. Selten arbeiteten die beiden zusammen, sondern unterhielten – je nach Aufgabenbereich – eigene Teams; hinzu kamen noch weitere Teams für wiederum andere Kunden und Arbeitsbereiche. Zwischen 1960 und 1972 war die Firma eines der größeren Fotografieunternehmen in Westdeutschland, danach wurde es ruhiger. Walde Huth begann, sich auf literarische Bildthemen zu konzentrieren; ihre Ergebnisse präsentierte sie jedes Jahr auf der GDL-Versammlung, aber auch bei großen Ausstellungen. Als Fotografin wurde sie vor allem von der Frauenbewegung der 1970er Jahre entdeckt und vielfach ausgestellt; ihre Arbeit wurde zunehmend als Kunst anerkannt. 

Nach dem Tod von Karl Hugo Schmölz 1986 löste sie das gemeinsame Atelier auf und widmete sich fortan zahlreichen eigenen Projekten, die aber nicht immer von Erfolg gekrönt waren. In den letzten Jahren ihres Lebens war sie in der Kölner Kunst- und Kulturszene geradezu omnipräsent und vertrat engagiert ihre Meinung, die sich durchaus nicht immer mit den Mehrheiten ihrer Zuhörer*innen deckte; glücklicherweise konnte sie noch einige Würdigungen ihrer Lebensleistung durch Publikationen und Ausstellungen erleben. Am 11.11.2011 kam Walde Huth bei einem Wohnungsbrand ums Leben. 

Text: Rolf Sachsse

Prof. Dr. Rolf Sachsse absolvierte seine Fotografenlehre bei Karl Hugo Schmölz und Walde Huth in Köln, der Autor und Fotograf war bis 2017 Professor für Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken.