Simuliertes Sehen
Jeder Mensch sieht individuell anders und erfasst die Welt auf seine Weise. Daher lässt sich auch kein Standardbild davon machen, was und wie ein Mensch mit einer Sehbehinderung (noch) sehen kann. Normalsichtige, die die Welt einmal durch eine Simulationsbrille betrachtet haben, können Seheinschränkungen, wie sie durch verschiedene Augenerkrankungen hervorgerufen werden, zumindest erahnen. Menschen können die Exponate in den Museen demnach nicht alle gleich sehen und wahrnehmen.
Vom Hören zum Sehen
Bei Führungen stehen mithilfe der genauen Beschreibung die in den Kunstwerken dargestellten Inhalte, Farben, Formen und ihre Beziehungen zueinander im Mittelpunkt der Betrachtung.
Die Gruppe spricht bis ins kleinste Detail über die Darstellung: Wie sehen die Farben aus, welche Stimmung verbreiten sie? Wirkt eine Oberfläche weich, rau oder hart? Wie groß sind Verschiedene Objekte und Dinge im Bezug zueinander? Mit diesen und weiteren Beschreibungen formt sich eine Vorstellung vor dem inneren Auge. Im gemeinsamen Austausch zu Assoziationen, Wahrnehmungen, Interpretationen, persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen wird ein Kunstwerk belebt, nachvollziehbar und für jeden der Beteiligten individuell »begreifbar«.
Zum Greifen nah
Andere Führungen machen Objekte buchstäblich be-greifbar. Vor allem bei historischen Objekten wie in den Sammlungen des Römisch-Germanischen Museums oder des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln ermöglicht der Tastsinn den unmittelbaren Zugang zu den Exponaten und ihrer Geschichte: Die Hände berühren die Wirklichkeit und machen sie »sichtbar«. Dies kann auch beim Betreten und Erfühlen realer historischer Räume geschehen, wie in den Gefängniszellen der Gestapo im EL-DE Haus. Zusätzlich können originale Gegenstände oder eigens angefertigte Repliken, die den Originalen in Größe, Material, Gewicht und Struktur möglichst gleichkommen, ertastet werden. Besonders gelungene Kopien finden sich beispielsweise zur Tischkultur der Römer im Römisch-Germanischen Museum und zum Thema Design im MAKK – Museum für Angewandte Kunst Köln.
Keine Barrieren
Der Besuch eines Museums mit seinen originalen und meist einzigartigen Exponaten ist ein besonderes Erlebnis. Aber nicht alle Interessierten können daran teilhaben, wenn Barrieren den Museumsbesuch erschweren. Hierfür kann es unzählige Gründe geben, bei der Anreise angefangen, bauliche Hindernisse vor Ort oder eine fehlende Begleitung. So erweitern viele Museen ihre Angebote in den digitalen Raum. Ob man nun bei Schmuddelwetter das Haus nicht verlassen oder als auswärtiger Gast eine Ausstellung in Köln besuchen möchte – Online-Führungen machen es möglich. Die Exponate werden ausführlich beschrieben und gemeinsam im Gespräch erkundet. Für den maximalen Kunstgenuss kommen die technischen Optionen zum Einsatz: Details können vergrößert, Kontraste verstärkt werden und Originale, im Museum vielleicht in einem anderen Raum präsentiert, einander gegenübergestellt und verglichen werden. Angebote wie diese zeigen nur einen Teil der Arbeit des Museumsdienstes Köln in Sachen Inklusion. Ziel ist es, möglichst für alle Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Beeinträchtigungen kulturelle Teilhabe zu realisieren.
Gemeinsam mehr entdecken
Die Gruppe ist vor dem letzten Bild ihres Rundgangs durchs Museum Ludwig angekommen. Eine Besucherin hält ihren Langstock zusammengeklappt in der Hand, hat den Kopf zur Seite gelegt: »Mich erinnert dieses Bild an ein Erlebnis, das ich mal hatte. Das war eine ganz ähnliche Situation. Durch das Gespräch und die Anmerkungen der Anderen kann ich mir das Bild richtig gut vorstellen.« Ihr nicht sehbehinderter Mann lässt den Blick von seiner Frau in Richtung Gemälde schweifen: »Und ich erkenne Details im Bild, die ich sonst glatt übersehen hätte.«
Dr. Marion Hesse-Zwillus, Leitung Programme Inklusion und Museum beim Museumsdienst Köln