Projiziert wird das alles aus einem Nachbargebäude – Fotos, Dokumente, Auszüge aus Briefen und Tagebüchern der Familie – typografisch an der Hauswand, aber auch gelesen: »Wir haben einen guten Radioapparat. « – »Pold lernt seit einigen Monaten Klavierspielen.« – »Ich schaffe mir jetzt ein Auto an.« Zitate spiegeln das Leben und den Aufstieg einer glücklichen, wohlhabenden Arztfamilie wider. Max und Erna Schönenberg leben hier seit 1927 mit ihrem Sohn Leopold: »Es ist uns wohl in unserer Wohnung und in unserer Haut.« Doch die Zeiten ändern sich.
Eine Stimme durchdringt die Musik. Es ist die des Schauspielers Axel Pape.
Er liest aus den Notizen von Max Schönenberg: »Ich notiere die Träume der Silvesternacht, da ich hoffe, dass sie sich nicht erfüllen: …« Das Auto kaputt, die republikanische schwarz-rot-goldene Flagge als Symbol der Weimarer Demokratie zerrissen – und der geliebte Sohn tot in seinem Bett. Die Traumbilder sind Max Schönenbergs Vorahnung auf düstere Zeiten, die für die jüdische Familie anbrechen.
Die anfangs beschwingten Klänge des Klaviers werden finster, dissonanter. Rot hinterlegt frisst sich die Jahreszahl 1933 zwischen den Fenstern die Fassade hinunter – und symbolisiert das Ende der Idylle: Antisemitische Verordnungen und Anfeindungen belasten Alltag und Beruf, Familie und Freizeit. Schon bald müssen die Großmutter Emma und der Onkel Julius Kaufmann mit in die Wohnung einziehen. Sohn Leopold wird 1937 in die Emigration nach Palästina geschickt: »Wir lassen dich nicht leichten Herzens ziehen, aber es muss sein«, erscheint es geschrieben an der Fassade.
Es musste sein. Immer brutalere Übergriffe machen das Leben für die jüdischen Menschen in Köln zunehmend unerträglicher. Nach der Flucht des Onkels Richtung Shanghai und dem Tod der Großmutter ist es zu spät: Max und Erna kommen nicht mehr raus aus Deutschland. Ihre Wohnung wird enger und wird zum Gettohaus – überbelegt unter menschenunwürdigen Bedingungen mit jüdischen Kölner*innen, denen der Mieterschutz entzogen wurde, die aus ihren Wohnungen geworfen wurden, deren Hab und Gut an bombengeschädigte Kölner Familien ging. Ein weiterer Schritt, einer von vielen in der Vernichtung des jüdischen Lebens, der an der Fassade künstlerisch inszeniert dokumentiert wird.
Augenpaare, immer mehr Augenpaare erscheinen auf der Fassade, schauen die Passanten an. »Als Symbol für die Menschen, von denen wir oft nicht mehr wissen als den Namen, das Geburtsdatum und den Ort und Zeitpunkt der Ermordung«, erläutert Kane Kampmann, die das Projekt künstlerisch betreut, »deshalb die Blicke, die sich treffen an diesem Abend – aus der Vergangenheit auf das Heute, aus dem Heute auf die Vergangenheit.«
Das ist es, was das Projekt »sichtbar machen – Kommunikation im und über den Holocaust« möchte: Die Kommunikationsräume, die Lebenswelten, die Ängste und Hoffnungen, Sorgen und Verzweiflung der damals Verfolgten öffentlich und eindringlich vor Augen führen. Aber eben auch die heutige Perspektive und rückblickende Wahrnehmung, die Kommunikation »über den Holocaust« herausfordern und visualisieren.
Die Augenpaare verschwinden nach und nach. Es wird dunkel und still vor dem Haus Venloer Straße 23. Die über hundert Namen derjenigen, die hier lebten – in der Wohnung der Familie Schönenberg und zwangsweise im späteren Gettohaus – leuchten auf mit dem Datum ihrer Ermordung in einem der Vernichtungslager des Dritten Reiches. Viel mehr blieb meist nicht übrig. »Wehret den Anfängen« ist der Schlussappell in großen Lettern an die Menschentrauben, die sich langsam auflösen.
Es war der 15. Juni 2022, der 80. Jahrestag der Deportation von Max und Erna Schönenberg in das Getto Theresienstadt. Max starb dort. Erna wurde in Auschwitz ermordet.