Köln, Venloer Str. 23

Die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner*innen

Auf der Straße vor dem Eckhaus sammeln sich immer mehr Menschen, manche hocken auf dem Gehsteig. Ein paar holen eine Sitzbank aus der Wohnung und platzieren sie mitten auf dem Asphalt. Passant*innen bleiben neugierig stehen an diesem schönen Sommerabend Mitte Juni, unweit des Stadtgartens. Sie alle blicken gebannt zum gegenüberliegenden Haus. Stuck, Ornamente – eine Jugendstilfassade erscheint auf dem eher tristen, typischen Kölner Nachkriegsbau. Sphärische Klänge und Klaviermusik erfüllen den öffentlichen Raum. Das Klackern einer mechanischen Schreibmaschine untermalt die Worte, die auf die Fassade geworfen werden: »Das ist die Geschichte dieses Hauses Venloer Straße 23 – und die Geschichte der Familie Schönenberg.«

Projektion auf eine Hauswand, Ecke Venloer Straße 23/Bismarckstraße

»Sichtbar machen«: Projektion am 15. Juni 2022, Ecke Venloer Straße 23 / Bismarckstraße, Foto: Gregor Kaluza

Projiziert wird das alles aus einem Nachbargebäude – Fotos, Dokumente, Auszüge aus Briefen und Tagebüchern der Familie – typografisch an der Hauswand, aber auch gelesen: »Wir haben einen guten Radioapparat.  « – »Pold lernt seit einigen Monaten Klavierspielen.« – »Ich schaffe mir jetzt ein Auto an.« Zitate spiegeln das Leben und den Aufstieg einer glücklichen, wohlhabenden Arztfamilie wider. Max und Erna Schönenberg leben hier seit 1927 mit ihrem Sohn Leopold: »Es ist uns wohl in unserer Wohnung und in unserer Haut.« Doch die Zeiten ändern sich.

Eine Stimme durchdringt die Musik. Es ist die des Schauspielers Axel Pape.

Er liest aus den Notizen von Max Schönenberg: »Ich notiere die Träume der Silvesternacht, da ich hoffe, dass sie sich nicht erfüllen: …« Das Auto kaputt, die republikanische schwarz-rot-goldene Flagge als Symbol der Weimarer Demokratie zerrissen – und der geliebte Sohn tot in seinem Bett. Die Traumbilder sind Max Schönenbergs Vorahnung auf düstere Zeiten, die für die jüdische Familie anbrechen.

Die anfangs beschwingten Klänge des Klaviers werden finster, dissonanter. Rot hinterlegt frisst sich die Jahreszahl 1933 zwischen den Fenstern die Fassade hinunter – und symbolisiert das Ende der Idylle: Antisemitische Verordnungen und Anfeindungen belasten Alltag und Beruf, Familie und Freizeit. Schon bald müssen die Großmutter Emma und der Onkel Julius Kaufmann mit in die Wohnung einziehen. Sohn Leopold wird 1937 in die Emigration nach Palästina geschickt: »Wir lassen dich nicht leichten Herzens ziehen, aber es muss sein«, erscheint es geschrieben an der Fassade.

Es musste sein. Immer brutalere Übergriffe machen das Leben für die jüdischen Menschen in Köln zunehmend unerträglicher. Nach der Flucht des Onkels Richtung Shanghai und dem Tod der Großmutter ist es zu spät: Max und Erna kommen nicht mehr raus aus Deutschland. Ihre Wohnung wird enger und wird zum Gettohaus – überbelegt unter menschenunwürdigen Bedingungen mit jüdischen Kölner*innen, denen der Mieterschutz entzogen  wurde, die aus ihren Wohnungen geworfen wurden, deren Hab und Gut an bombengeschädigte Kölner Familien ging. Ein weiterer Schritt, einer von vielen in der Vernichtung des jüdischen Lebens, der an der Fassade künstlerisch inszeniert dokumentiert wird.

Augenpaare, immer mehr Augenpaare erscheinen auf der Fassade, schauen die Passanten an. »Als Symbol für die Menschen, von denen wir oft nicht mehr wissen als den Namen, das Geburtsdatum und den Ort und Zeitpunkt der Ermordung«, erläutert Kane Kampmann, die das Projekt künstlerisch betreut, »deshalb die Blicke, die sich treffen an diesem Abend – aus der Vergangenheit auf das Heute, aus dem Heute auf die Vergangenheit.«

Das ist es, was das Projekt »sichtbar machen – Kommunikation im und über den Holocaust« möchte: Die Kommunikationsräume, die Lebenswelten, die Ängste und Hoffnungen, Sorgen und Verzweiflung der damals Verfolgten öffentlich und eindringlich vor Augen führen. Aber eben auch die heutige Perspektive und rückblickende Wahrnehmung, die Kommunikation »über den Holocaust« herausfordern und visualisieren.

Die Augenpaare verschwinden nach und nach. Es wird dunkel und still vor dem Haus Venloer Straße 23. Die über hundert Namen derjenigen, die hier lebten – in der Wohnung der Familie Schönenberg und zwangsweise im späteren Gettohaus – leuchten auf mit dem Datum ihrer Ermordung in einem der Vernichtungslager des Dritten Reiches. Viel mehr blieb meist nicht übrig. »Wehret den Anfängen« ist der Schlussappell in großen Lettern an die Menschentrauben, die sich langsam auflösen.

Es war der 15. Juni 2022, der 80. Jahrestag der Deportation von Max und Erna Schönenberg in das Getto Theresienstadt. Max starb dort. Erna wurde in Auschwitz ermordet.

Info

Weitere Projektionen am 9. November am ehemaligen Standort der zerstörten Synagoge Glockengasse sowie am 7. Dezember 2022 am Bahnhof Deutz / Messe als zentralem Deportationsort brachten die Geschichte und Geschichten zurück an die Orte des Geschehens – mitten in die Stadt. Der umfangreiche Web-Auftritt macht alles online zugänglich: Die 3D-Visualisierungen der historischen Lebensumstände, rückblickende Perspektiven überlebender Zeitzeug*innen sowie die drei Projektionen im Stadtraum.

www.sichtbar-machen.online

Die Kölner Künstlerin Kane Kampmann konzipiert und organisiert mit ihrem Team innerhalb des Projektes unter anderem die multimedialen Großprojektionen im Stadtraum.

www.kane.de

Text: Dirk Lukaßen

Dr. Dirk Lukaßen leitet für den Museumsdienst in Kooperation mit dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln das Projekt »sichtbar machen – Kommunikation im und über den Holocaust «, gefördert im Rahmen der Bildungsagenda NS-Unrecht durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sowie das Bundesministerium der Finanzen.