Zu guter Letzt - Sinne

Kommt der Guckkastenmann in die Stadt, ist ein dankbares Publikum nicht weit: Wissbegierige Herren, hibbelige Kinder und schmachtende Damen drängen sich um sein »finstres Kästlein«, Diese wunderliche Apparatur. Im Zeitalter der Aufklärung, zwischen 1720 und 1800, lechzen immer mehr Menschen nach Bildung. Und mit einer solchen »Sehmaschine« kommt man dem Wissensschatz der großen, weiten Welt auf amüsante Weise und ohne viel Aufwand ein gutes Stück näher. Guckkasten, Camera Obscura und andere »optische Curiositäten« waren die damals beliebten Wegbereiter heutiger Fernsehgeräte. Sie funktionieren nach einem simplen Prinzip: Durch eine kleine Öffnung im rein äußerlich unspektakulären Kasten fällt der Blick – mithilfe von Spiegeln und vergrößernden Linsen – auf faszinierende Bilder von Objekten, Ansichten ferner Länder, Städte und historischer Ereignisse. Je nach Lichteinfall effektvoll von vorn oder hinten beleuchtet. Besonders raffiniert täuscht der Augsburger Verleger Martin Engelbrecht (1684 – 1759) die Sinne der Betrachtenden: In seinem Perspektivtheater bestückt er den Guckkasten mit hintereinander montierten und ausgeschnittenen Papierkulissen, durch die der Effekt räumlicher Tiefe entsteht. So spürt man auch ohne 20-Uhr-Tagesschau einen Hauch des Schauders, als sei man 1755 beim furchtbaren Erdbeben von Lissabon vor Ort gewesen. Dieses und andere Exponate aus der Sammlung historischer optischer Medien des legendären Filmemachers Werner Nekes (1944 – 2017) zeigt das Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud noch bis zum 23. April 2023 im Rahmen der Ausstellung »Sensation des Sehens«.

Text: Rüdiger Müller