Beuys und die vier Domtüren

Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen!

Unzählige Male lief ich über die Domplatte und nie sprangen sie mir ins Auge: die vier Bronzetüren am Südportal des Kölner Doms. Liegt es am vergitterten Zaun, der – wenngleich hübsch verschnörkelt – neugierige Blicke verwehrt? Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen.

Joseph Beuys, Ohne Titel (Mein Kölner Dom), Arbeiten zu den Bronzetüren des Südportals des Kölner Doms, entstanden zum Domjubiläum 1980

Joseph Beuys, Ohne Titel (Mein Kölner Dom), Arbeiten zu den Bronzetüren des Südportals des Kölner Doms, entstanden zum Domjubiläum 1980, Kleve, Museum Kurhaus Kleve, © VG Bild-Kunst, Bonn 2023, Foto: RBA Köln, Annegret Gossens

Dann, eines Tages, schaute ich genauer hin – durch den Zaun, von links nach rechts: die »Pfingsttür«, die »Bischofstür«, die »Papsttür« und die »Schöpfungstür«. Das Quartett steht in krassem Gegensatz zur opulenten Ausgestaltung der neugotischen Umgebung: Filigran und leicht, fast naiv kommt der Türenschmuck daher. Gestaltet hat das Ensemble zwischen 1947 und 1954 Ewald Mataré, Bildhauer und Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie und Lehrer eines gewissen Joseph Beuys. Tatsächlich wurde der damals gerade 27-jährige Kunststudent vom Meister an der Ausgestaltung der Türen beteiligt. Doch Halt – allzu viel Spielraum ließ Mataré ihm nicht. Auch wenn es dem jungen Beuys gelingt, eigene Ideen mit einzubringen und die eng gesetzten Grenzen zu sprengen. In einem Interview äußert er sich Jahrzehnte später: »Also, ich hätte die Türen nie so gemacht – im Gegenteil! Wahrscheinlich hätte ich sogar gesagt: Lasst die alte Tür doch drin, die ist doch genug.« Als zu ornamental, zu ruhig, letztlich zu brav kritisierte er die Entwürfe Matarés.

 

 

Mit dem Wissen um Beuys’ Mitarbeit untersuche ich die Türen auf Hinweise seiner vielleicht damals schon aufblitzenden Originalität. Seine Aufgabe war es zum einen, ein Gipsmodell für das Relief auf der »Pfingsttür« zu fertigen, das inmitten der kriegszerstörten, brennenden Stadt Köln einen unversehrten Dom darstellt – als Symbol der Hoffnung und des Neuaufbruchs der Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg. Zum anderen war Beuys an der Erstellung der Mosaiken auf den beiden mittleren Türen beteiligt. Die Mosaiken der sogenannten »Papsttür« zeigen von oben nach unten: die Tiara des Papstes, eine weiße Taube auf blauem Grund, zwei Schlüssel, einen Hahn mit rot geschwelltem Kamm, einen Pelikan mit einer Wunde über dem Bauch. Vor allem die Tiere wecken mein Interesse. Während der Hahn selbstbewusst den roten Kamm reckt, stimmt mich der Pelikan ganz melancholisch. Wie er da sitzt und sich mit dem Schnabel die Brust öffnet, um den Nachwuchs mit seinem eigenen Blut zu nähren. Trotz ihrer bunten Schlichtheit geht etwas Finsteres von diesen Mosaiken aus.

Die »Bischofstür« daneben enthält nur ein einziges Mosaik: das Wappen des 1948 in Köln amtierenden Kardinals Josef Frings. Die meisten der Mosaiksteine, so Beuys später, habe er aus einem verlassenen Schwimmbad in Köln-Meerbusch geholt. Und dann opferte er auch noch seinen eigenen Rasierspiegel, um die Glasscherben ins Wappen des Kardinals einzusetzen.

»Ich hatte auf einmal das Bedürfnis, da müsste was rein, was Licht wirft.«

Die Spiegelsteinchen lösten sich allerdings im Laufe der Zeit aus dem Kunstwerk und fielen heraus. Schade um die schöne Reflexion! Und dennoch – wer will, stelle sich im Jahre 2022 einfach vor, wie der Beuys’sche Rasierspiegel vom Südportal her Richtung Domplatte blinkt. 

Text: Ulrike Anna Bleier

Ulrike Anna Bleier lebt seit vielen Jahren in Köln, wo sie als Schriftstellerin und Journalistin tätig ist. Für die Stadt Köln arbeitet sie zudem als Projektleiterin des Kölner KulturPaten e. V.