Die Wirtschaft, unendliche Weiten

»The Enterprise« von Minerva Cuevas im Museum Ludwig

»Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie?«, fragt Mackie Messer in Bertolt Brechts berühmter »Dreigroschenoper« (1928). Und schließlich: »Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?«. 2022 stehen solche Fragen nicht minder prominent im Raum, respektive im Treppenhaus des Museum Ludwig. 

Ein großformatiges Wandrelief von Minerva Cuevas

Wimmelbild Wirtschaft: Minerva Cuevas’ Wandrelief »The Enterprise«, © Minerva, Fotos: RBA Köln, Marc Weber

 

Auch das neueste der »Schultze Projects« nutzt die gebotene Spielfläche, die Stirnseite des Entrées, zeitkritisch und eindrucksvoll: Auf Einladung des Direktors und Kurators Yilmaz Dziewior fertigte Minerva Cuevas ein Wandrelief – fünf Meter hoch, fast 15 Meter lang –, gespickt mit Anspielungen und den Logos multinationaler Großbanken.

Die Künstlerin, geboren 1972 in Mexico-City, mixt die Markenzeichen der Finanzkonzerne mit Darstellungen mythischer Figuren, aztekischer Gottheiten, von Pflanzen und Tieren. Bei der Natur bedienen sich die Finanzinstitute schon selbst – so steht der Löwe im Signet der ING-DiBa wohl für Mut und Überlegenheit, seit 2019 aber auch für Geldwäsche im großen Stil sowie eine Rekordstrafe in Höhe von 775 Millionen Euro. Barclays schmückt sich mit dem Adler, dem König der Lüfte, und ringt vehement mit dem Vorwurf, der am rasantesten wachsende Nahrungsmittelspekulant zu sein und so die Preise für Lebensmittel auf Kosten der Armen in die Höhe zu treiben. Da drängt sich Brecht gleich noch mal auf: »Erst kommt das Fressen, dann die Moral.«

»The Enterprise«, so der Titel des Monumentalwerks, will uns mitnehmen »auf eine Reise durch Zeit und Raum«. Sagt die Künstlerin und weiß, dass manch einer den Titel mit Science-Fiction und dem Raumschiff aus der US-Serie in Verbindung bringt. Die deutsche Übersetzung macht die Dinge noch deutlicher: »Unternehmung« oder »Unternehmen«. So prallen in »The Enterprise« ganz unterschiedliche Wirtschaftsformen aus verschiedenen Zeiten und Ländern der Welt aufeinander: Neben den aktuellen Bankenlogos gibt Minerva Cuevas Verweise auf die Anfänge wirtschaftlichen Handelns, auf Jagd und Landwirtschaft. Im Zentrum des Reliefs, vom Publikum abgewandt, steht ein indigener Ureinwohner mit Lendenschurz, ein Vertreter des einfachen Volkes. Daneben ein Affe, eine Schlange und ein Wasserhund, der – die Figur stammt aus der aztekischen Mythologie – die Menschheit ins Verderben lockt. Ganz links eine Maya-Gottheit als Fledermaus und Botin aus der Unterwelt. Fiktion, Mythos und die Realität der Märkte mit ihrem dauerhaften Streben nach Gewinnmaximierung – koste es, was es wolle – gehen hier eine schicksalhafte Verbindung ein. Das dreidimensionale Wimmelbild entlarvt eine alles durchdringende Ökonomie. Und die koloniale Ausbeutung früher Gemeinschaften und ihrer Kulturen. Ein stilisierter Kakaobaum spielt im Speziellen auf die weltweite Ökonomisierung der Schokolade und des Kakaos als einst wichtiges Zahlungsmittel der Azteken an – aber auch auf die Geschichte des Museum Ludwig. Gegründet wurde es 1976 mit einer Schenkung des Sammlerehepaars Peter und Irene Ludwig, die ihr Vermögen mit der Herstellung und dem Vertrieb von Schokolade machten. Letztendlich steht »The Enterprise« auch für das »Unternehmen« Kunstwerk selbst, einem ehrgeizigen Projekt vieler Beteiligter diesseits und jenseits des Atlantiks. So entstanden die digitalen Vorlagen für die 48 Einzelelemente des Wandreliefs in Mexiko, in Köln wurden sie realisiert und in Form gebracht.

 

Bernard Schultze und seine Ehefrau Ursula Schultze-Bluhm lebten und arbeiteten ab 1968 in Köln. Besonders dem Museum Ludwig war das Künstlerpaar eng verbunden, hier befindet sich auch ein Großteil seines künstlerischen Nachlasses. Bernard Schultze gilt als Pionier des Informel in Deutschland – einer Bewegung aus Paris zu Beginn der 1950er Jahre. In ihr sammelten sich abstrakt arbeitende Kunstschaffende, die sowohl klassische Formen und Kompositionen als auch die streng geometrische Abstraktion ablehnten und gestische, spontane Elemente in ihre Kunst aufnahmen. In Anlehnung an das oft großformatige Spätwerk Schultzes lädt das Museum Ludwig seit 2017 alle zwei Jahre Künstler*innen im Rahmen der »Schultze Projects« ein, die monumentale Stirnwand des Treppenhauses zu gestalten.

Text: Rüdiger Müller