Himmelwärts

Die ganze Stadt – ein Museum

Manchmal lohnt ein Blick nach oben. Wer ahnt schon, dass über dem Eingang zu McDonald’s eine Majestät würdevoll auf die Fastfood-Gemeinde herabblickt? Das Gebäude in der Nähe des Hauptbahnhofs, Ecke Trankgasse/Marzellenstraße, wird 1912 nach den Plänen von Carl Moritz als nobles Hotel »Fürsten-Hof« errichtet. Der steinerne Fürst ist ein Werk des Bildhauers Georg Grasegger – eines Bayern, der nach seinen Münchener Studienjahren 1901 nach Köln zieht, wo er bis zu seinem Tod 1927 tätig ist.

Georg Grasegger, Gefallenenehrenmal im Friedenspark (Hindenburgpark), Köln 1927

Georg Grasegger, Gefallenenehrenmal im Friedenspark (Hindenburgpark), Köln 1927, Foto: Willy Horsch via Wikimedia Commons, CC BY 3.0

Der Professor an den Kölner Werk schulen fertigt viele Skulpturen, die heute noch im Stadtbild sichtbar sind. Aber wie das mit Kunst im öffentlichen Raum so ist: Manches ist umstritten, anderes wird im Krieg zerstört, einiges politisch uminterpretiert, Details kommen abhanden …

So auch bei Graseggers Fastnachtsbrunnen auf dem Gülichplatz in der Altstadt, unweit des Wallraf-Richartz-Museums. Sein Standort hat es in sich: Anfangs befindet sich hier das Wohnhaus von Nikolaus Gülich, der gegen den Klüngel im Rat den Aufstand wagt und 1686 hingerichtet wird. Das Grundstück soll auf ewig unbebaut bleiben, eine Schandsäule mit dem Konterfei des widerborstigen Gülich dazu ermahnen, sich nicht mit der Obrigkeit anzulegen. Die Franzosen reißen die Schandsäule 1797 ab – in der Zeit der Revolution gilt Gülich als Freiheitsheld. Dann bleibt der Platz leer. Bis 1913, als Grasegger den Wettbewerb zur Neugestaltung für sich entscheidet. Sein bronzener Fastnachtsbrunnen besteht aus einem hohen Becken mit aufragender Spindel, aus der das Wasser strömt. Genauer hinschauen lohnt sich auch hier: Man erkennt am Becken vier Köpfe – einen roten Funken, einen Frauenkopf, einen Narren und einen Hafenarbeiter. Auf diesen stehen Pärchen der Tanztruppe der »Hellige Knäächte un Mägde«. Als umlaufende Inschrift ist das Zitat Goethes zum Kölner Karneval zu lesen, das »ein tolles Streben« gutheißt, »wenn es kurz ist und mit Sinn«. Trotz dieser liebevollen Details ist der Brunnen umstritten, im Karneval 1914 verspottet man ihn als Waschbütt« und »Stadtrotsbadewann«. Die Spitze hoch oben ziert das Kölner Wappentier, der doppelköpfige Adler. Im Ersten Weltkrieg wird er beschädigt. Blickt man heute nach oben, so erkennt man Graseggers 1924 gefertigten kölschen »Lotterbov«, eine dicke, trommelnde Putte mit Pfeife im Mund (schließlich wird das Ganze ja gesponsert von der Tabakfirma Haus Neuerburg am Gülichplatz). 1999 wird die Putte gestohlen. Zum Glück findet sich bei Konrad Adenauer, dem Enkel des Oberbürgermeisters, noch ein Modell für den Nachguss.

Grasegger beteiligt sich mehrfach an Wettbewerben für Skulpturen im öffentlichen Raum, nicht immer gewinnt er. Beim Römerbrunnen muss er 1910 Franz Brantzky den Vortritt lassen. Dafür entdecken wir, gleich um die Ecke, am Bankgebäude Unter Sachsenhausen (heute: Generali Versicherung) oder am Deutzer Bahnhof immer noch Graseggers  Skulpturenschmuck.

Ein anderes seiner Werke gleitet hoch über der Südstadt: der gigantische Adler im Park nahe der Südbrücke. 1926, nach Abzug der britischen Besatzung, soll hier der Kölner »Helden von 1914–1918« gedacht werden.

Krönung des Ehrenmals ist zweifellos der Adler. Ein historisches Foto zeigt Grasegger in seinem Atelier vor dem gewaltigen Vogel, dessen Flügel gestutzt sind – sonst hätte er mit der Spannweite von 6,50 Metern nicht in den Raum gepasst. Der wohl aus eingeschmolzenen Kanonen gefertigte Adler ist stark stilisiert. In seiner Stromlinienform erinnert er zugleich an ein Kampfflugzeug. Auch das mag dazu beitragen, dass Adler und Stele zeitweise mit roter Farbe beschmiert werden. Das früher Hindenburgpark genannte Areal wird 1985 in Friedenspark umbenannt. Im Jahr darauf erinnern die Bläck Fööss mit ihrem Lied »Ungerm Adler« daran, dass es nie wieder Krieg geben soll. Ein martialisches Gedenken passt nicht mehr in unsere Zeit. Heute schwebt Graseggers Adler über dem Bauspielplatz eines Kinder- und Jugendzentrums samt Kletterparadies: Immer noch lohnt sich der Blick nach oben in der Kölner Innenstadt, 1912 …

Info

Mehr zu Grasegger und seinem Werk in der umfassenden Veröffentlichung von Gerhard Dietrich: » … Die Welt ins Bildhafte zu reißen … Georg Grasegger 1873–1927. Ein bayerischer Bildhauer in Köln. Leben und Werk«, Köln 2020

Auch in den Sammlungen der Kölner Museen finden sich Skulpturen und Plastiken Graseggers, u. a. im Kölnischen Stadtmuseum.

Text: Mario Kramp

Historiker und Kunsthistoriker, Kölnisches Stadtmuseum