2D>3D>2D

Spielraum Museum: Wo Kunst kreativ macht

Kunst braucht Zeit und Muße. Bloß – wer hat die heutzutage schon? Durchschnittlich 15 Sekunden verweilen Museumsbesucher*innen vor einem Kunstwerk. Zu kurz, um alle Formen, Farben und Kompositionen zu erfassen, geschweige denn auf sich wirken zu lassen. Ansehen ist nicht dasselbe wie Erkennen. Im Idealfall spricht man noch kurz mit seiner Begleitung über das Werk, bevor man zum nächsten eilt. Tatsächlich gibt es aber Menschen, die einem Gemälde ein Mehr an Aufmerksamkeit schenken und das Bild gar in aller Ruhe abzeichnen. Ganz »old school« und analog. Über Jahrhunderte war das Kopieren eines Originals fester Bestandteil der künstlerischen Ausbildung. Um den Bildern auf den Grund zu gehen, um das Dargestellte zu begreifen, Künstler*in und Werk deuten und schätzen zu lernen. Wieder andere fassen ihre Gedanken in Worte.

Schülerarbeiten zu Delaunays »Endloser Rhythmus«

Schülerarbeiten zu Delaunays »Endloser Rhythmus«, Fotos: Björn Föll

Ein besonderes Angebot der Museumsschule Köln geht noch einen Schritt weiter: Auf Skizzen oder persönliche Notizen folgt die Anregung, einzelne Bildelemente nachzubauen. Aus stabiler Pappe eines Schuhkartons, am besten weiß und bemalbar. Der Effekt: Aus dem 2D-Kunstwerk entwickelt sich eine persönliche 3D-Version. Dabei arbeiten die Schüler*innen mit beweglichen Teilen, die frei arrangiert werden können – zweidimensionale Bildelemente werden in ein variables, dreidimensionales Vokabular übersetzt.

Seitliche Gucklöcher im Karton ermöglichen außergewöhnliche Perspektiven: Die Unterseite wird zum Boden eines fiktiven Ausstellungsraums, zum »Spielraum« mit beeindruckender Innenwirkung. Diese Arrangements lassen sich mithilfe der Smartphone- oder klassischen Taschenlampe theatralisch inszenieren und durch Gucklöcher in den Kartonseitenwänden in beeindruckende Fotos fassen. Diese wiederum können als Vorlage für eigene Zeichnungen oder Kunstwerke dienen. So entstehen nicht nur individuelle Versionen eines Gemäldes, die weit über das bloße Kopieren hinausgehen. Das »Erleben« und die »Neuinszenierung« laufen parallel und ergänzen sich, der Bildbestand wird kreativ und spielerisch interpretiert, das Original – schon beim nächsten Museumsbesuch – bewusster wahrgenommen.

Text: Björn Föll